Latein im Geschichtsstudium

In der Rubrik „Hochschule“ des Mannheimer Morgens vom 17.5.2017 erschien ein Artikel zum Thema Latein im Geschichtsstudium. Der Artikel nährt die verbreitete Vorstellung, bei der Latinumspflicht in einigen Studiengängen handele es sich lediglich um einen Selektionsmechanismus ohne wirklichen Mehrwert für das Studium. Aus der Sicht derjenigen, die kurz vor den Latinumsprüfungen stehen und bisweilen an ACIs und Gerundivkonstruktionen verzweifeln, ist eine solche Skepsis durchaus verständlich, denn die lateinische Grammatik ist schwierig und kein Zuckerschlecken! Ihnen allen sei gesagt: Es ist keine fruchtlose Mühe; wer Latein kann, versteht die Welt und vor allem die Geschichte besser. Mit einigen verbreiteten Mythen, die immer wieder gegen Latein ins Feld geführt werden, sei hier aufgeräumt.

Mythos 1: Latein brauche man allenfalls für die Antike. Das ist grundfalsch. Ohne Latein kann man gerade für das Mittelalter und die frühe Neuzeit keine kritische Geschichtswissenschaft betreiben. Nehmen wir das Beispiel Martin Luther: Jeder weiß, dass Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt hat. Kaum jemand weiß, dass Luther sein theologisches Hauptwerk natürlich auf Lateinisch verfasst hat, ebenso wie seine Zeitgenossen. Und deren Schriften sind zum größten Teil nicht übersetzt, weder ins Deutsche noch in andere moderne Sprachen. Man muss sie aber lesen, um Luthers intellektuelle Entwicklung differenziert nachzuvollziehen und nicht in plumpen Lutherjubel oder ebenso plumpes Lutherbashing zu verfallen. Luther verstehen ohne Latein? Unmöglich!

Mythos 2: Man brauche nicht Latein zu können, da alle wichtigen Texte in Übersetzungen vorlägen. Diese Aussage ist für Mittelalter und Frühe Neuzeit falsch, für die Antike im großen und ganzen richtig. Wer allerdings jemals Übersetzungen verglichen hat, weiß sehr gut, wie unterschiedlich diese ausfallen können. Der Grund liegt nicht darin, dass die Übersetzer ihr Handwerk nicht verstünden, sondern in der Tatsache, dass sich der Sinn eines Satzes bei der Übertragung von einer Sprache in die andere zwangsläufig verändert. In der Praxis bedeutet das: Man kann weite Passagen eines lateinischen Textes in Übersetzung lesen, sich aber die Stellen, die für die eigene Fragestellungen besonders wichtig sind, im Original anschauen. Andernfalls sinkt die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit.

Mythos 3: Latein könne man an der Universität sowieso nicht mehr richtig lernen. Das kann leicht widerlegt werden: Es gibt namhafte ProfessorInnen für Alte Geschichte, die im ersten Semester weder Latein noch Griechisch konnten und beides während ihres Studiums nachgelernt haben, ohne dass sich später jemand an ihrer Beherrschung der alten Sprachen gestoßen hätte.

Mythos 4: Der Zeitungsartikel endet mit dem Fazit, dass man in den Lehrveranstaltungen Latein sowieso nicht brauche. Wer diese Meinung widerlegt haben möchte, ist herzlich in unsere Lehrveranstaltungen eingeladen. Besonders empfohlen sei im kommenden Semester die Übung „Die römische Provinzverwaltung im Spiegel der Quellen“ (Di, 10.15-11.45 Uhr). Hier gibt es Latein satt!

In diesem Sinne: Viel Glück für die Latinumsprüfungen! Fortes fortuna adiuvat!

Wer es ausführlicher haben möchte: Friedrich Maier: Warum Latein? Zehn gute Gründe. Stuttgart 2008.

 

Christian Mann

Christian Mann ist Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte an der Universität Mannheim.

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