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Ascot on the Alpheios: Horse races in Olympia

‘The horse’s capacity to be tamed and bred turned the swift horse into a domestic animal that could be steered by man. In a word, as a vector in animal form, the horse became a political animal’ (Raulff 2017). While horses have now gone ‘into semi-retirement with a part-time job as a recreational item, a mode of therapy, a status symbol, and a source of pastoral support for female puberty’ (Raulff 2017), in previous centuries they were an essential component of everyday life. In ancient Greece too, equids played an important role in myth and warfare, and served as transport animals or as an expensive investment for the elites. For the sanctuary of Zeus in Olympia they also performed various essential tasks. Fast transport of persons or news, for example, would not have been possible without them. The horse races at the Olympic Games, however, surely constituted their most conspicuous activity there.

The ancient Olympic Games attracted participants and spectators from the entire Greek world. The hippic contests had a particular impact, as they offered an excellent occasion for public display to those whose social and financial position allowed them the possession of race horses. This required a huge effort both logistically and financially, as it entailed transporting the competing horses and carriages to Olympia as well as further equipment, spare parts and an experienced crew. Furthermore, a basic supply of the animals’ habitual fodder is likely to have been taken along too, in order to make it easier for the horses to get used to the new environment. Such transport took place over land and sea, depending on the origins of a team’s owner, and necessitated a great deal of planning and expenditure. Upon arrival in Olympia suitable facilities were needed to allow the animals to acclimate and to make up lost training time. Trainers, animals and equipment thus needed to arrive in the sanctuary well before the start of the games to be in top condition for the race.

These efforts were rewarded by the great public interest in the hippic contests, which is evidenced by the gradual expansion of the contest programme over time. ‘A status eclipsing that of all other contests’ (Mallwitz 1972, 66) was held by the race with the four-horse chariot, as was already the case in the Homeric epics. Since 680 B.C., races were held in the Olympic hippodrome, which according to Pausanias lay south of the stadion and stretched more than half a kilometre to the east. He gives a detailed description of the complex including several buildings, such as the sophisticated starting place behind the stoa of Agnaptos (Paus. VI 20.10-14). He also mentions the turning-posts and the altar of Taraxippos, the horse-scarer. The plausible expectation of finding the remains of these structures led to the surveying and examining of the southeastern part of the sanctuary, but in spite of all the efforts, no remains of any construction that can be connected to the horse races have been found (Senff 2013).

The east pediment of the temple of Zeus at Olympia also shows the preparations for a horse race. It shows a version of the Olympic foundation myth which identifies a context between Pelops and Oinomaos as the origin of the games. Pelops is said to have founded the Olympic Games to atone for his winning the race by unfair means. Pausanias (V 20.8) mentions earthworks in his own time during which fragments of horse-bits and curb-chains were found near Oinomaos’ pillar. Votive gifts in bronze and terracotta, fragments of statues or parts of carriages are just some of the material remains that inform modern archaeologists of the presence of horses in Zeus’ sanctuary.

 

Sandra Zipprich

Sandra Zipprich is a Ph.D. student at the University of Marburg and a member of the Olympia project of the German Archaeological Institute (DAI), Athens Department.

 

Further reading on this topic:

Pausanias, Guide to Greece, vol. 2, Southern Greece, translated by Peter Levi, London 1979.

S. Bell – C. Willekes, Horse Racing and Chariot Racing, in: G. L. Campbell (ed.), The Oxford Handbook of Animals in Classical Thought and Life, Oxford 2014, 478–490.

A. Mallwitz, Olympia und seine Bauten, München 1972.

U. Raulff, Farewell to the Horse: The Final Century of Our Relationship, London 2017.

R. Senff, Olympia. Das Hippodrom, 2013, <https://www.dainst.org/projekt/-/project-display/33190> (26.07.2017).

 

Image: bronze carriage horse (Archaeological Museum of Olympia, B 1000; photograph: Sandra Zipprich)

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Ascot am Alpheios: Pferderennen in Olympia

„Als zähmbares und züchtbares, als von Menschen lenkbares Geschwindigkeitstier, mit einem Wort: als animalischer Vektor wurde das Pferd zum politischen Tier und zum wichtigsten Gefährten des Homo sapiens“ (Raulff 2016, 16). Während Pferde heute vor allem als „Sport- und Therapiegerät, Prestigesymbol und Assistenzfigur der weiblichen Pubertät in den historischen Ruhestand“ (Raulff 2016, 17) gewechselt haben, prägten sie in vorangegangenen Jahrhunderten zahlreiche Aspekte des menschlichen Alltags. Auch in der griechischen Antike spielten Equiden eine nicht zu unterschätzende Rolle sowohl im Mythos als auch bei der Kriegsführung, beim Transport oder auch als preisintensive Wertanlage der Eliten. Pferde hatten in Olympia unterschiedliche Aufgabenbereiche, da ohne sie der schnelle Transport besonders von Personen oder Nachrichten nicht durchführbar gewesen wäre, doch am hervorstechendsten war ihre Rolle bei den im Zeusheiligtum stattfindenden Wettrennen.

Die Olympischen Spiele zogen in der Antike regelmäßig Teilnehmer und Zuschauer aus allen Gebieten der griechischen Welt an. Die hippischen Agone galten als besonders publikumswirksam, da sie jenen eine willkommene Gelegenheit zur Repräsentation boten, deren soziale und finanzielle Stellung ihnen den Unterhalt von Reitpferden oder Gespannen erlaubte. Hierfür wurde ein enormer logistischer Aufwand sowie hohe Kosten in Kauf genommen. Denn es mussten nicht nur die am Wettkampf teilnehmenden Pferde und die zugehörigen Rennwägen nach Olympia gebracht werden, sondern darüber hinaus auch noch Zubehör und Ersatzteile sowie fachkundiges Personal. Um den Tieren die Anpassung an die neue Umgebung zu erleichtern scheint es außerdem wahrscheinlich, dass zumindest ein Grundvorrat des Futters mitgeführt wurde, an das sie gewöhnt waren. Diese Transporte fanden je nach Heimat der Rennstallbesitzer über den Land- und Seeweg statt und erforderten ein hohes Maß an Planung und finanziellen Mitteln.

Auch in Olympia selbst musste die entsprechende Logistik vorhanden sein, um es den Tieren zu ermöglichen sich zu akklimatisieren und den Trainingsausfall wieder aufzuholen. Trainer, Tiere und Zubehör mussten also entsprechend lange vor Beginn der Spiele anreisen, um zum Wettkampftermin in Bestform zu sein.

Belohnt wurden diese Mühen durch das hohe Publikumsinteresse an den hippischen Agonen, welches sich auch durch die ständigen Erweiterungen des Wettkampfprogramms zeigte. Ein „alle Wettkämpfe überragenden Rang“ (Mallwitz 1972, 66) scheint aber, wie bereits in den homerischen Epen, dem Rennen mit dem Viergespann vorbehalten gewesen zu sein. Seit 680 v. Chr. fanden die Wettkämpfe im olympischen Hippodrom statt, der sich laut Pausanias südlich des Stadions über mehr als einen halben Kilometer nach Osten erstreckte. Er gibt eine ausführliche Beschreibung der Anlage mit mehreren Bauten, beispielsweise der ausgeklügelten Startanlage hinter der Stoa des Agnaptos (Paus. VI 20,10-14). Als weitere Strukturen werden im Zusammenhang mit dem Hippodrom die Wendemarken sowie der Altar des Taraxippos, des Pferdeschrecks, erwähnt. Die begründete Hoffnung, Reste dieser Strukturen nachweisen zu können, führte zu Begehungen und Untersuchungen des südöstlichen Heiligtumareals. Allerdings konnten trotz aller Bemühungen bisher keine Reste baulicher Strukturen nachgewiesen werden, die in Verbindung mit dem Austragungsort der hippischen Agone gebracht werden könnten (Senff 2013).

Auch der Ostgiebel des Zeustempels zeigt die Vorbereitungen zu einem Wagenrennen. Dargestellt wird hier eine Variante des olympischen Gründungsmythos, in welcher der Ursprung der Spiele auf einen Wettkampf zwischen Pelops und Oinomaos zurückgeführt wird. Nachdem ersterer den Sieg mit unlauteren Mitteln errang, soll er zur Sühne die Olympischen Spiele gestiftet haben. Bereits Pausanias berichtet, dass bei Grabungsarbeiten in der Nähe der Säule des Oinomaos unter anderem Teile von Pferdegeschirr zutage traten (Paus. V 20,8). Des Weiteren zeugen Bronze- und Terrakottavotive, Fragmente von Standbildern oder Wagenteile als materielle Hinterlassenschaften von der Präsenz der Pferde im Zeusheiligtum.

Sandra Zipprich

Sandra Zipprich ist Doktorandin an der Universität Marburg und Mitglied des Olympia-Projektes des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Athen.

 

Mehr zu diesem Thema:

Pausanias, Reisen in Griechenland. Gesamtausgabe in drei Bänden auf Grund der kommentierten Übersetzung v. Ernst Meyer, hg. v. Felix Eckstein, 3. vollständige Ausg. (Zürich–München 1986).

S. Bell – C. Willekes, Horse Racing and Chariot Racing, in: G. L. Campbell (Hrsg.), The Oxford Handbook of Animals in Classical Thought and Life (Oxford 2014) 478–490.

A. Mallwitz, Olympia und seine Bauten (München 1972).

U. Raulff, Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung (München 2016).

R. Senff, Olympia. Das Hippodrom, 2013, <https://www.dainst.org/projekt/-/project-display/33190> (26.07.2017).

 

Abbildung: Gespannpferd aus Bronze (Archäologisches Museum Olympia, B 1000; Photograph: Sandra Zipprich)

Alte Geschichte zurechtgebogen – die Römer in der deutschen Politik

Im Wahlprogramm der AfD stößt der historisch Interessierte auf folgende Sätze: „Die AfD bekennt sich zur deutschen Leitkultur. Diese fußt auf den Werten des Christentums, der Antike, des Humanismus und der Aufklärung.“ Die deutsche Leitkultur speist sich also aus der Antike, aber was soll das konkret heißen? Hat die AfD Hinweise auf Sauerkraut, Händeschütteln oder samstägliches Autowaschen in antiken Texten gefunden? Nein, konkreter wird es in einer früheren Version, die noch auf der Facebook-Seite der AfD zu finden ist: „Die Alternative für Deutschland bekennt sich zur deutschen Leitkultur, die sich im Wesentlichen aus drei Quellen speist: erstens der religiösen Überlieferung des Christentums, zweitens der wissenschaftlich-humanistischen Tradition, deren antike Wurzeln in Renaissance und Aufklärung erneuert wurden, und drittens dem römischen Recht, auf dem unser Rechtsstaat fußt.“ So viel Antike in der deutschen Leitkultur, stellt der Althistoriker begeistert fest, runzelt aber bald die Stirn, insbesondere beim letzten Aspekt. Die römischen Einflüsse auf unser Rechtswesen sind unbestritten, aber wer den modernen Rechtsstaat auf die Römer zurückführen will, muß die historischen Tatsachen grob mißachten. Es war den Römern fremd, allen Menschen unveräußerliche Grundrechte zuzugestehen – vielleicht hat man in der AfD schon einmal etwas von antiker Sklaverei gehört. Und auch ein weiteres zentrales Element des modernen Rechtsstaates, die Unabhängigkeit der Gerichte von der Regierung, fehlte dem römischen System: Dort hatte, bei aller Vielfalt der gerichtlichen Institutionen, im Zweifelsfall der Kaiser das letzte Wort. Dies mag der AfD-Führung mit ihrer Sympathie für Autokraten gefallen, mit Rechtsstaatlichkeit hat es nichts zu tun.

Die AfD bietet damit ein besonders auffälliges Beispiel für Geschichtsverfälschung, doch sie ist nicht die einzige Partei, die einen bizarren Umgang mit der römischen Geschichte pflegt. Oscar Lafontaine äußerte sich in einer Rede auf dem Parteitag der „Linken“ (15. Mai 2010) wie folgt: „Für mich war der demokratische Sozialismus immer eine Bewegung hin zur menschlichen Freiheit, hin zur Freiheit eines jeden Einzelnen. Deshalb steht er in einer großen historischen Tradition. Ich nenne mal die Sklavenaufstände in Rom, ich nenne die Bauernkriege im Mittelalter, ich nenne die Französische Revolution, ich nenne die Novemberrevolution 1918, die wir immer noch aufarbeiten müssen, und ich nenne auch die friedliche Revolution 1989. In dieser Freiheitstradition steht der demokratische Sozialismus, stehen wir alle.“ Richtig ist, daß es in Rom Sklavenaufstände gab, am berühmtesten derjenige unter Führung des Gladiators Spartacus (73-71 v. Chr.). Falsch ist, daß damit eine Bewegung hin zur Freiheit eines jeden Einzelnen verbunden war, denn die aufständischen Sklaven hatten keinesfalls die Abschaffung der Sklaverei im Sinn – diese blieb in der Antike unangetastet.

Ein letztes Beispiel, wieder aus einer anderen politischen Richtung. In einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ (11. Februar 2010) kritisierte der damalige Bundesaußenminister Guido Westerwelle die hohen Hartz IV-Sätze und untermauerte seine Position mit einem Verweis auf die Antike: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern. In vielen aufstrebenden Gesellschaften andernorts auf der Welt wird hart gearbeitet, damit die Kinder es einmal besser haben.“ Mit „spätrömischer Dekadenz“ bezieht sich Westerwelle wohl auf die in vielen Hollywood-Filmen genährte Vorstellung, die Römer hätten über ihren Intrigen und Saufgelagen die Verteidigung ihres Reichs vernachlässigt, das daraufhin zur Beute der frischen, aufstrebenden Germanen wurde. Innovativ ist allerdings Westerwelles Andeutung, das Imperium Romanum sei an zu hohen Sozialausgaben gescheitert. Diese These war der Geschichtswissenschaft, trotz aller Forschungskontroversen über den Niedergang des Römischen Reiches, zuvor unbekannt, aus einem simplen Grund: Es gab in Rom kein staatliches Sozialsystem, keine Renten, kein Arbeitslosengeld und keine Sozialhilfe.

Der springende Punkt ist nun nicht, daß die Genannten Wissenslücken in der römischen Geschichte haben. Bemerkenswert ist vielmehr, daß sie trotzdem mit römischer Geschichte argumentieren. Das Kalkül ist nicht schwer zu entschlüsseln: Politische Positionen sind nicht notwendigerweise ideologisch aufgeladen, die drei zitierten sind es. Mit dem Verweis auf die Geschichte ist die Absicht verbunden, den ideologischen Charakter des eigenen Standpunkts zu verschleiern, indem man diesen mit Geschichte, mit tatsächlich Geschehenem verknüpft. Die AfD möchte ihrem völkisch-nationalistischen Markenkern einen bieder-bürgerlichen Mantel umhängen, indem sie die gediegenen Römer für sich in Anspruch nimmt. Lafontaine konstruiert in guter sozialistischer Tradition einen jahrtausendealten Freiheitskampf, Westerwelle malt, wie unter marktradikalen Ideologen üblich, die Apokalypse an die Wand, wenn man nicht den Sozialstaat beschneide: Wenn schon das große Imperium Romanum an zu hohen Sozialausgaben zerbrochen sei, wird implizit gefragt, wie solle dann Deutschland überleben.

Es gibt Leute, die meinen, Historikerinnen und Historiker würden nicht benötigt, da sowieso jedermann über Geschichte rede. Wie die genannten Beispiele zeigen, ist die gegenteilige Schlußfolgerung richtig. Gerade weil Ideologen aller Couleur so gerne mit Geschichtsfälschungen arbeiten, benötigt eine offene Gesellschaft Geschichtswissenschaft. Daran sollten alle diejenigen erinnert werden, die den Stellenwert von Geschichte an Schulen und Universitäten beschneiden möchten!

 

Christian Mann

Christian Mann ist Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte an der Universität Mannheim.

 

(Bild: Cesare Maccari, Cicerone denuncia Catalina)

 

Im Bett mit Alexander dem Großen: Über Sinn und Unsinn einer Forschungsfrage

Wissenschaftliche Konferenzen sind weit seltener ein Publikumsmagnet, als sich das manch einer wünscht. Dass das aber nicht immer schlecht ist, erfuhren die Teilnehmer einer Tagung zum antiken Makedonien in Thessaloniki am eigenen Leib: Am Mittwoch, den 16. Oktober 2002, erschien eine Menge, die ihre Schwierigkeiten mit dreien der Vorträge, die an diesem Tag gehalten wurden, hatte.  Nur dank eines Polizeiaufgebots von vierzig Mann – so einer der Tagungsteilnehmer – konnten die Protestierer im Zaum gehalten werden.

Einer der Vorträge, der die Gemüter derart erhitzte, trug den Titel Homosexuality at the Macedonian Court. Daniel Ogden hat in seinem Aufsatz Alexander’s Sex Life auf den Punkt gebracht, weshalb dieses Thema bei einigen Anstoß erregte: „Alexander has never seemed quite the same since the twentieth century’s discovery of ‘that horrid thing which Freud calls sex,’ and the development of the notion that one’s sexuality was somehow a vital determinant of or an indispensable key to the understanding of one’s nature and one’s identity”. Im Zusammenhang mit Alexander dem Großen über Homosexualität zu sprechen, ist also deshalb für manche Leute problematisch, weil sie der Meinung sind, dass der Makedonenkönig dadurch in Verruf gebracht werde – Alexander konnte nicht schwul gewesen sein, weil das nicht vereinbar ist mit dem Bild, das viele von ihm haben. Das Problem ist ein Problem unserer Zeit. Die antiken Zeitgenossen hat es, soweit wir wissen, herzlich wenig interessiert: Wir wissen, dass Alexander sowohl zu Männern als auch zu Frauen Beziehungen hatte. Zwar kommentierten antike Autoren das Verhältnis, das Alexander zu dem Eunuchen Bagoas hatte, negativ, doch ist Bagoas‘ Fall sicherlich besonders, da Eunuchen generell einen schlechten Ruf genossen.

Für viele ist Sexualität ein wesentlicher Bestandteil der Identität eines Menschen. Dass diese Denkweise von Klischees durchzogen ist, versteht sich von selbst: DER heterosexuelle Mann malocht natürlich nicht ausschließlich von früh bis spät im Stahlwerk, wechselt durchaus mehrmals die Woche seine Kleidung, kennt neben seinem eigenen Moschus auch Deodorant, sitzt – man höre und staune – nicht nur  im Feinrippunterhemd und mit Dosenbier vor dem Fernseher und zeigt für mehr als Sport und Wirtschaft Interesse. Genauso schlürft DIE heterosexuelle Frau nicht prinzipiell liebend gerne Piccolöchen und empfindet Shoppen als schönste Freizeitgestaltung. Sie verbringt die Abende nicht zwangsläufig damit, zusammen mit ihren Mädels eine Folge Sex and the City nach der anderen zu schauen und sich zu fragen, ob sie jetzt Carrie, Charlotte, Miranda oder Samantha ähnlicher ist, liest anstelle von Boulevardblättern Kafka, Mann und Tolstoi, hat größere Sorgen als die Frage, was sie anziehen und wie sie sich die Haare schneiden lassen soll, und erwartet mehr vom Leben, als bis zum Ende ihrer Tage den Haushalt zu schmeißen. Auch hat DER homosexuelle Mann nicht früher zu viel mit Puppen gespielt und bewegt sich auch nicht ausschließlich als eine tänzelnde Duftwolke samt Handtasche durch die Straßen. Ebenso wenig ist DIE homosexuelle Frau ausnahmslos am Kurzhaarschnitt zu erkennen und trägt in sich einen tief verwurzelten Männerhass, an dem freilich der Umstand schuld ist, dass es ihr „noch kein Typ mal so richtig besorgt hat“. Solche und andere Stereotype sind gewiss hochgradig unreflektiert, das haben Stereotype nun mal so an sich. Das ändert aber nichts daran, dass es sie gibt und dass sie Meinungen prägen.

Die prominenteste Beziehung, die Alexander zu einem Mann hatte, war jene zu Hephaistion. Gerade Arrian, der im zweiten Jahrhundert n. Chr. über Alexanders Perserfeldzug schrieb, rückte Hephaistion immer wieder in besondere Nähe zu Alexander: So opferten sie in Troja den beiden Helden Achilles und Patroklos, ihrerseits enge Freunde und – nach manchen – auch ein Liebespaar. Nach der Schlacht von Issos 333 v. Chr. verwechselte Arrian zufolge die Mutter des persischen Großkönigs Dareios‘ III., die Alexander in die Hände gefallen war, Hephaistion mit Alexander, woraufhin Alexander ihr gesagt haben soll, dass diese Verwechslung gar nicht schlimm sei, da auch Hephaistion Alexander sei. Und schließlich erfahren wir aus der Feder Arrians viel über die Trauer Alexanders beim Tod Hephaistions 324 v. Chr. und über die außerordentlichen Ehren, die er dem Verstorbenen zukommen ließ.

Das alles macht nun freilich noch lange keine sexuelle Beziehung zwischen Alexander und Hephaistion, und auch andere antike Autoren wie Diodor und Plutarch helfen nicht dabei, Alexanders Verhältnis zu Hephaistion zu erhellen. An dieser Stelle muss sich der (Alt-)Historiker allerdings darauf besinnen, dass für ihn die Frage, ob die Beziehung zwischen Alexander und Hephaistion nun (auch) sexueller Natur war oder nicht, irrelevant ist, und das nicht nur allein deshalb, weil die Quellenlage es nicht ermöglicht, eine definitive Entscheidung zu fällen. Alexander und seine Zeitgenossen dachten nicht in Homo-und Hetereosexualität; man verkehrte mit Männern und Frauen und fand selten was dabei. Das eine schloss das andere nicht aus. Zudem würde die Klärung der Frage, mit wem er das Bett teilte, nichts an den Taten Alexanders ändern. Wer sich mit Alexander dem Großen auseinandersetzt, muss sich daher zwangsläufig mit dem Gedanken anfreunden, die Frage nach seiner sexuellen Orientierung aus der Hand zu geben. Sie weiterhin zu verfolgen, würde einen Anachronismus bedeuten.

Das heißt allerdings nicht, dass sich die Geschichtswissenschaft generell nicht mit dieser Frage auseinandersetzen darf. Sie muss sie nur anders stellen. Sie liegt nicht im Aufgabenbereich der Alten Geschichte, sondern beispielsweise in dem der Zeitgeschichte. Es wäre spannend zu sehen, welche Aussagen sich daraus, wie etwa heutzutage Alexanders Sexualität thematisiert wird, über unsere Gegenwart, unsere Kultur, unsere Gesellschaft ergäben und welche Rolle die in diesem Beitrag skizzierten Klischees dabei spielen. Ob dies geschieht oder nicht, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Mehr zu diesem Thema:
Lane Fox, Robin: Alexander der Große. Eroberer der Welt, 4. Auflage, Stuttgart 2005.

Müller, Sabine: In Abhängigkeit von Alexander? Hephaistion bei den Alexanderhistoriographen, In: Gymnasium 118 (2011), 429-456.

Ogden, Daniel: Alexander’s Sex Life, in: W. Heckel – L. A. Tritle (Hgg.): Alexander the Great. A New History, Malden, MA 2009, 203-217.

 

Lukas Kainz

Lukas Kainz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Mannheim.

„Immer der Beste zu sein“: Die agonale Kultur der Griechen

„Immer der Beste zu sein und ausgezeichnet vor andern“, das soll laut seinem Vater Peleus das Ziel des griechischen Helden Achilles sein (Il. XI 784; vgl. VI 208). Darüber hinaus kann dieses Zitat aber auch als eine treffende Charakterisierung der antiken griechischen Mentalität gelten: Diese ist nämlich von Friedrich Nietzsche und vom schweizerischen Kulturhistoriker Jakob Burckhardt als grundsätzlich kompetitiv charakterisiert worden, oder, mit einem Wort, das auf das griechische Wort für Wettbewerb, agon, zurückgeht, „agonal“. Es ist sogar gesagt worden, dass für die Griechen das Leben selbst ein agon war. Ständig Exzellenz (arētē) anzustreben, um Anerkennung und Ehre (timē) zu bekommen, war das Ideal und Ziel der griechischen Aristokraten und freien Bürger. Dieser Ehrgeiz (philotimia) führte auch dazu, dass man sich immer mit Mitbürgern und aristokratischen Konkurrenten messen und mehr Ehre erlangen wollte als diese. Nur vor diesem Hintergrund können wir Platons (rep. 465d) Aussage verstehen, dass Olympiasieger das glückseligste Leben führten. Ein Äquivalent zu einer Silbermedaille gab es in Olympia, wie bei den meisten anderen Agonen, nicht; ganz im Gegenteil: Alle, die nicht gewonnen hatten, duckten sich scheu, „die Gassen entlang, fern den Feinden, … verwundet von des Unglücks Biss“ (Pind. Pyth. 8, 86-87, Übers. O. Werner).

Wenn man die griechische Gesellschaft als grundsätzlich agonal beschreibt, geht es aber nicht nur darum, dass es die verschiedensten Wettbewerbe gab, von unterschiedlichen Sportarten bis zu Schönheitskonkurrenzen für Männer und Spinnwettbewerbe für Mädchen. Vielmehr gab es eine kompetitive Mentalität, die in allen gesellschaftlichen Bereichen spürbar war. Das Agonale kam auch im politischen Leben zum Ausdruck, wo der kompetitive Ehrgeiz öfter zu Streitigkeiten oder sogar Staatsstreichen führte. Vor allem in Athen war das Gericht ein weiteres Umfeld, wo ein gesellschaftlicher agon ausgetragen wurde: Prozesse waren eine beliebte Aktivität der Athener und wurden als Wettbewerb zwischen den beiden Parteien konzipiert, sogar so sehr, dass agon auch ein übliches Wort für „Prozess“ war.

Auch im kulturellen Bereich war der Wettbewerb omnipräsent: Klassiker der Weltliteratur wie die athenischen Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides wurden für das jährliche Festival der Dionysia geschrieben, wo reiche Athener viel Geld ausgaben, damit die von ihnen gesponserte Trilogie den Sieg davontrage. Populär war es auch, die ersten großen griechischen Dichter, Homer und Hesiod, in ein Konkurrenzverhältnis zu setzen, obwohl sie wahrscheinlich keine wirklichen Zeitgenossen waren. Sogar in der Wissenschaft, Philosophie und Medizin gab es einen ständigen Konkurrenzkampf und Ärzte versuchten einander in öffentlichen Debatten zu besiegen, selbst wenn sie in der medizinischen Praxis völlig erfolglos waren. Der wissenschaftliche Diskurs der Griechen war deshalb extrem polemisch. Der jüdische Historiker Flavius Josephus (c. Ap. I 25), zum Teil um genau dasselbe bemüht, kritisiert die griechischen Historiker: Sie wählten ihre Themen mit dem Ziel aus, ihre Vorgänger zu überstrahlen, und sähen das Kritisieren anderer Historiker als eine Chance, die eigene Reputation zu steigern.

Nicht alle diese Aspekte des Agonalen in der griechischen Gesellschaft werden den modernen Leser erstaunen, aber zusammengenommen erscheinen sie trotzdem sehr beachtlich. Man kann sich dies am besten vor Augen führen, indem man sich auf der Basis des erhaltenen Materials vorstellt, wie stark griechische Städte von Ehren- und Siegesdenkmälern geprägt waren, oder wenn man berücksichtigt, wie ehrenvoll das Ziel war, zu fast jedem Preis besser zu sein als alle anderen. Das moderne olympische Motto, „Dabeisein ist alles“, wäre für die antiken Griechen völlig unverständlich.

 

Alexander Meeus

 

Alexander Meeus ist akademischer Rat am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Mannheim.

 

Mehr zu diesem Thema:

Lukian, Anacharsis (Text aus dem 2. Jh. n. Chr., der das Agonale sehr gut erklärt).

A.E. Raubitschek, „The Agonistic Spirit in Greek Culture“, The Ancient World 7 (1983), 3-7.

I. Weiler, „Wider und für das agonale Prinzip – eine griechische Eigenart? Wissenschaftsgeschichtliche Aspekte und Grundsatzüberlegungen“, Nikephoros 19 (2006), 81-110. (kritischer Forschungsüberblick)

 

Bild: musischer Agon auf einer pseudopanathenäischen Amphore (Walters Art Museum, s. Wikimedia commons)

Latein im Geschichtsstudium

In der Rubrik „Hochschule“ des Mannheimer Morgens vom 17.5.2017 erschien ein Artikel zum Thema Latein im Geschichtsstudium. Der Artikel nährt die verbreitete Vorstellung, bei der Latinumspflicht in einigen Studiengängen handele es sich lediglich um einen Selektionsmechanismus ohne wirklichen Mehrwert für das Studium. Aus der Sicht derjenigen, die kurz vor den Latinumsprüfungen stehen und bisweilen an ACIs und Gerundivkonstruktionen verzweifeln, ist eine solche Skepsis durchaus verständlich, denn die lateinische Grammatik ist schwierig und kein Zuckerschlecken! Ihnen allen sei gesagt: Es ist keine fruchtlose Mühe; wer Latein kann, versteht die Welt und vor allem die Geschichte besser. Mit einigen verbreiteten Mythen, die immer wieder gegen Latein ins Feld geführt werden, sei hier aufgeräumt.

Mythos 1: Latein brauche man allenfalls für die Antike. Das ist grundfalsch. Ohne Latein kann man gerade für das Mittelalter und die frühe Neuzeit keine kritische Geschichtswissenschaft betreiben. Nehmen wir das Beispiel Martin Luther: Jeder weiß, dass Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt hat. Kaum jemand weiß, dass Luther sein theologisches Hauptwerk natürlich auf Lateinisch verfasst hat, ebenso wie seine Zeitgenossen. Und deren Schriften sind zum größten Teil nicht übersetzt, weder ins Deutsche noch in andere moderne Sprachen. Man muss sie aber lesen, um Luthers intellektuelle Entwicklung differenziert nachzuvollziehen und nicht in plumpen Lutherjubel oder ebenso plumpes Lutherbashing zu verfallen. Luther verstehen ohne Latein? Unmöglich!

Mythos 2: Man brauche nicht Latein zu können, da alle wichtigen Texte in Übersetzungen vorlägen. Diese Aussage ist für Mittelalter und Frühe Neuzeit falsch, für die Antike im großen und ganzen richtig. Wer allerdings jemals Übersetzungen verglichen hat, weiß sehr gut, wie unterschiedlich diese ausfallen können. Der Grund liegt nicht darin, dass die Übersetzer ihr Handwerk nicht verstünden, sondern in der Tatsache, dass sich der Sinn eines Satzes bei der Übertragung von einer Sprache in die andere zwangsläufig verändert. In der Praxis bedeutet das: Man kann weite Passagen eines lateinischen Textes in Übersetzung lesen, sich aber die Stellen, die für die eigene Fragestellungen besonders wichtig sind, im Original anschauen. Andernfalls sinkt die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit.

Mythos 3: Latein könne man an der Universität sowieso nicht mehr richtig lernen. Das kann leicht widerlegt werden: Es gibt namhafte ProfessorInnen für Alte Geschichte, die im ersten Semester weder Latein noch Griechisch konnten und beides während ihres Studiums nachgelernt haben, ohne dass sich später jemand an ihrer Beherrschung der alten Sprachen gestoßen hätte.

Mythos 4: Der Zeitungsartikel endet mit dem Fazit, dass man in den Lehrveranstaltungen Latein sowieso nicht brauche. Wer diese Meinung widerlegt haben möchte, ist herzlich in unsere Lehrveranstaltungen eingeladen. Besonders empfohlen sei im kommenden Semester die Übung „Die römische Provinzverwaltung im Spiegel der Quellen“ (Di, 10.15-11.45 Uhr). Hier gibt es Latein satt!

In diesem Sinne: Viel Glück für die Latinumsprüfungen! Fortes fortuna adiuvat!

Wer es ausführlicher haben möchte: Friedrich Maier: Warum Latein? Zehn gute Gründe. Stuttgart 2008.

 

Christian Mann

Christian Mann ist Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte an der Universität Mannheim.