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Die Christianisierung Makedoniens von Paulus bis in die Spätantike

Ihren Anfang nahm die Christianisierung Makedoniens und somit gleichzeitig der europäischen Welt durch einen Traum des Apostel Paulus. In der biblischen Apostelgeschichte wird davon berichtet: Ein Makedonier sei Paulus erschienen und hätte ihn um Hilfe gebeten. Entschlossen, das Evangelium in Makedonien zu verkünden, brachen Paulus und sein Vertrauter Silas ihre missionarischen Tätigkeiten in Kleinasien unvollendeter Dinge ab und gingen im Jahr 49/50 nach Makedonien (Apg 16:8-10). Entlang der Reiseroute des Apostels lässt sich die Christianisierung in Makedonien sehr gut nachverfolgen.Doch nicht nur in den von Paulus besuchten Städten hielt das Christentum Einzug, sondern auch im übrigen Makedonien.Am kontrastvollsten ist der Übergang vom Heiden- zum Christentum mit Sicherheit an der ehemaligen heidnischen Kultstätte Dion zu beobachten. Um nun die Christianisierung in Makedonien zu fassen, erscheint es sinnvoll, sie in drei Phasen zu unterteilen: 1. Die Anfänge unter Paulus bis zur Legalisierung des Christentums (ca. 49/50–313), 2. die Zeit nach der Legalisierung des Christentums (313–400) und 3. die umfassende Ausbreitung des Christentums (400–600).

Philippi stellte die erste bedeutende Station des Apostels in Makedonien dar, da Paulus dort die erste christliche Gemeinde Europas gründete. In der Folgezeit entwickelte sich zwischen Paulus und der dortigen Gemeinde eine besondere Verbundenheit, von welcher ein erneuter Besuch des Paulus in Philippi – im Jahre 58 – und der in der Bibel enthaltene Philipperbrief zeugen. Von dieser engen Verbindung zum ,Heidenapostel‘ profitierte die Gemeinde Philippis in besonderem Maße, wie ein – wohl Anfang des 2. Jahrhunderts verfaßter – Brief Polykarps, des bedeutenden Bischofs von Smyrna, bezeugt (Kap. 3). Nach der Legalisierung des Christentums 313 lassen sich in Philippi vermehrt christliche Zeugnisse in Form von Inschriften, aber auch ersten Bauwerken nachweisen. Diese Tendenz verstärkte sich in der Folgezeit, bis das Christentum ab dem 5. und 6. Jahrhundert zur dominierenden Kraft wurde. Neben der vermehrten Errichtung monumentaler Bauwerke zeugen auch zahlreiche Inschriften von einer sich nun als christlich verstehenden Stadt.

Nach Beendigung seiner missionarischen Tätigkeit in Philippi gelangte Paulus nach Amphipolis. Auch wenn Amphipolis für Paulus nur eine Durchgangsstation auf seiner Reise durch Makedonien war, sollte man die Wirkung seines Besuches nicht unterschätzen. Zwar datieren die ersten christlichen Überlieferungen aus Amphipolis sehr spät, sie sind dafür aber um so imposanter. Im 5./6. Jahrhundert entstanden innerhalb kurzer Zeit fünf christliche Kirchen. Inschriften bezeugen zudem eine vitale christliche Gemeinde.

Dion wurde von Paulus zwar nicht besucht, doch nirgendwo zeichnet sich der Übergang vom Heiden- zum Christentum so deutlich ab. Den ersten Nachweis für die Existenz christlichen Glaubens liefert ein für 343 belegter Bischof. Das Amt des Bischofs ist im Übrigen eine Gemeinsamkeit, welche man in allen vier untersuchten Städten findet. Im weiteren Verlauf entstanden in Dion zwei Basiliken, und auch christliche Inschriften zeugen von einer zunehmenden Ausbreitung des Christentums.

Den Höhepunkt der Reise des Paulus markiert der Besuch Thessalonikis. Dort gründete Paulus 49/50 ebenfalls eine christliche Gemeinde. Dass sich Paulus der zentralen Bedeutung der Provinzhauptstadt Thessaloniki für die Ausbreitung des Christentums in der gesamten Region bewusst war, zeigen die in der Bibel enthaltenen Briefe an die Thessaloniker. In der Hauptstadt finden sich bereits vor der Legalisierung einige Hinweise auf die Ausbreitung des christlichen Glaubens. Während zu Beginn des vierten Jahrhunderts mit Galerius noch ein entschiedener Gegner des Christentums in Thessaloniki residierte, hielten sich im weiteren Verlauf des 4. Jahrhunderts mit Konstantin und Theodosius zwei entschiedene Förderer des christlichen Glaubens über längere Zeit in Thessaloniki auf. Beide Kaiser trugen sicherlich ihren Teil dazu bei, dass das Christentum in der Bevölkerung Thessalonikis zunehmend einen festen Platz einnahm. Der Bau christlicher Monumente wurde in der Folge intensiv vorangetrieben. Die überlieferten Inschriften bilden nicht nur einen Querschnitt durch die gesamte Gesellschaft, sondern verweisen auch auf eine fundierte Ämterstruktur innerhalb des Christentums.

Auch wenn Makedonien nicht in seiner Gänze erfasst wurde, so lässt sich aufgrund der aktuellen Quellenlage nur schwerlich ein einheitliches Bild für die Christianisierung in Makedonien zeichnen. Während sich Philippi und Thessaloniki beinahe adäquat in die drei genannten Phasen einteilen lassen, sind für den Beginn der Christianisierung in Amphipolis und Dion beinahe keine Zeugnisse vorhanden. Trotzdem kann davon ausgegangen werden, dass die Christianisierung in Amphipolis und Dion nicht aus heiterem Himmel eintrat, sondern ebenso auf einem bereits gewachsenen frühchristlichen Fundament beruhte. Letztlich bleibt die Erforschung der Christianisierung im Römischen Reich eine ebenso schwierige wie wichtige Aufgabe.

 

Nils Roßnagel

 

Nils Roßnagel studiert Geschichte (Master of Education) an der Universität Mannheim und verfasste seine Bachelorarbeit über die Christianisierung Makedoniens.

 

Weiterführende Literatur

Winfried Elliger, Mit Paulus unterwegs in Griechenland. Philippi, Thessaloniki, Athen, Korinth, Stuttgart 2007.

Hartmut Leppin, „Christianisierungen im Römischen Reich. Überlegungen zum Begriff und zur Phasenbildung“, in: Zeitschrift für Antike und Christentum 16 (2012), 247–278.

Hartmut Leppin, Die frühen Christen. Von den Anfängen bis Konstantin, München 2018.

Walter Ameling (Hg.), Die Christianisierung Kleinasiens in der Spätantike (Asia Minor Studien 87), Bonn 2017.

 

Bild: Der Traum des Paulus, der ihn dazu veranlasste, nach Makedonien zu gehen (Paulusaltar in Veria, dem antiken Beroia)

 

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Der Streit um Alexander den Großen: Die tagespolitische Relevanz der Alten Geschichte im Balkan

Auch die deutschen Medien haben darüber berichtet: Am 25. Januar 2019 hat das griechische Parlament mit knapper Mehrheit der Regierungsvorlage zugestimmt, dass ihr Nachbarland künftig „Nordmazedonien“ heißen dürfe. Dieser Kompromiss war zwischen den Regierungschefs beider Länder im Juni 2018 ausgehandelt worden, doch es hatte starke Widerstände dagegen gegeben, vor allem auf griechischer Seite: In zahlreichen Demonstrationen wurde gefordert, dem Nachbarn keinerlei Rechte auf den Namen „Mazedonien“ zuzugestehen, auch nicht mit Zusatz: „Keinen einzigen Buchstaben dieses heiligen Namens dürfen sie benutzen“, wie eine Demonstrantin eine weitverbreitete Meinung prägnant ausdruckte. Noch kurz vor der entscheidenden Abstimmung gingen in Athen um die 100.000 Menschen auf die Straßen, es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei, der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras wurde als Verräter an der griechischen Nation beschimpft. Aus mehreren Ecken kommt deshalb der Vorschlag Tsipras und sein Amtskollege Zoran Zaev für den Friedensnobelpreis zu nominieren, denn sie haben gegen die Nationalisten in beiden Ländern an der Lösung eines Dauerkonflikts gearbeitet, der zwar nicht mit Waffengewalt ausgetragen wurde, aber lange Zeit eine erhebliche Belastung für die politischen Beziehungen auf dem südlichen Balkan gewesen ist.

Worum aber geht es bei diesem Konflikt überhaupt? Warum wollen überhaupt die Griechen darüber mitbestimmen, wie ihr Nachbarland heißt? Es gibt zwar auch eine griechische Provinz Makedonien, doch eine solche Namensgleichheit führt nicht notwendigerweise zu erbittertem Streit (man vergleiche „Frankreich“ und die deutsche Region „Franken“). Um den Konflikt zu verstehen, muss man in die nähere und in die fernere Vergangenheit zurückgehen.

Am 8. September 1991 erklärte die damalige jugoslawische Teilrepublik Mazedonien ihre Unabhängigkeit. Sie trug anfangs nicht nur denselben Namen wie die angrenzende griechische Provinz, sondern auch die Nationalflagge war mehr oder weniger dieselbe: der Stern von Vergina vor einem roten statt vor einem blauen Hintergrund. Dies wurde von Griechenland als Provokation empfunden, es kam 1994 sogar zu einer Handelsblockade. 1995 wurde das Flaggenproblem gelöst, indem Mazedonien eine stärker verfremdete Version des Sterns auf seine Nationalflagge setzte, aber der Namensstreit ging weiter. Infolgedessen wird die Republik Mazedonien bis heute in der offiziellen Liste der Mitglieder der Vereinigten Nationen unter T(!) als „The Former Yugoslav Republic of Macedonia“ geführt. Auch blockierte Griechenland bislang den Beitritt des Landes in EU und NATO.

Auch wenn es in der Antike umstritten war, ob die Makedonen Griechen waren, hat der moderne griechische Staat sich immer auf das makedonische Erbe berufen. Und obwohl die Slawen erst 1000 Jahre nach Alexander dem Großen in die Region kamen, hat die Republik Mazedonien sich in die Nachfolge der antiken Makedonen gestellt, weil ihr Land teilweise im Gebiet des antiken Makedonien liegt und die slawische Bevölkerung der Region sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert als Mazedonier bezeichnet. Man konstruierte so eine lange Nationalgeschichte als beste Grundlage für die Schöpfung einer neuen nationalen Identität. Die Entstehung eines neuen Staates an ihrer nördlichen Grenze, die sich gleichfalls auf das Erbe Alexanders des Großen und die dazugehörige Symbolik berief und denselben Namen hatte wie die griechische Provinz, wurde von den meisten Griechen als „Diebstahl“ ihrer Geschichte und ihrer nationalen Identität wahrgenommen. Des weiteren befürchteten manche Griechen auch Gebietsansprüche seitens der neuen Republik.

Der schon erwähnte Stern von Vergina, das Symbol der Argeadendynastie, die über das antike Königreich Makedonien herrschte, weist auf die Rolle der Alten Geschichte in diesem Konflikt hin: Allgemeiner geht es um die Frage, wer das Erbe Alexanders des Großen, des wohl bekanntesten Argeadenkönigs, für sein Land beanspruchen darf. Die Regierung in Skopje hatte zum Beispiel eine Autobahn und einen Flughafen nach Alexander dem Großen und seinem Vater Philipp benannt und von beiden Königen auch riesige Statuen im Zentrum der Hauptstadt errichtet; die „Brücke der Zivilisationen“, die Besucher über den Vardar zum Archäologischen Nationalmuseum führt, ist umgeben von Bildnissen der Nationalhelden, unter anderen viele Argeadenkönige.

Nationalisten auf beiden Seiten haben einer Lösung immer im Weg gestanden, aber der Regierungsantritt der Sozialdemokraten von Zoran Zaev in Mazedonien zeitgleich zur linken Regierung von Alexis Tsipras in Griechenland eröffnete neue Verhandlungsmöglichkeiten, zumal Tsipras seine anfangs radikale nationalistische Rhetorik gemäßigt hatte. In Prespes, einem Grenzort auf griechischer Seite, vereinbarten beide Ministerpräsidenten am 17. Juni 2018, dass die Republik sich Nordmazedonien nennen darf. Als Gegenleistung hat Skopje den Flughafen zum „Internationalen Flughafen Skopje“ und die Autobahn zur „Autobahn der Freundschaft“ umbenannt und damit die Bezüge zu Alexander und Philipp getilgt; die Alexanderstatue im Flughafen wurde entfernt. Und es wird auch diskutiert, die Alexanderstatue im Zentrum von Skopje, die eindeutig eine ähnliche Alexanderstatue in der griechischen Stadt Thessaloniki übertreffen wollte, zu entfernen: Diese nimmt die heutige Regierung in Skopje nämlich als ein Symbol der Irrationalität, Megalomanie und Korruption der rechten Vorgängerregierung wahr.

Dennoch wird es von vielen Griechen als „Diebstahl“ ihrer Geschichte betrachtet, wenn der Name ihres Nachbarlandes in irgendeiner Form das Wort „Mazedonien“ enthalte. Und auch in der Republik hat die Mehrheit in einem – nicht bindenden – Referendum gegen den Vertrag gestimmt. Hier spielen natürlich auch heutige politische Interessen mit hinein, z.B. hatte sich Russland in die Referendumskampagne eingemischt, um engere Beziehungen zwischen Mazedonien und der EU und der NATO zu verhindern.

Dass bei einem solchen Streit auch die Alte Geschichte eine wichtige Rolle spielt, kann aber nicht überraschen. Denn außerhalb der Geschichtswissenschaft wird das historische Denken nach wie vor von „intentionaler Geschichte“ dominiert; dieser Begriff, bezeichnet „das (…), was in einer Gruppe von der Vergangenheit ,gewußt, wie über sie geurteilt, was mit ihr gemeint ist‘ – unabhängig davon, was die historische Forschung im modernen Sinne davon hält“ (Gehrke 1994). Arminius (Herrmann der Cherusker) hatte für den jungen deutschen Nationalstaat eine ähnliche Funktion wie Alexander der Große im skizzierten Konflikt, und noch in der Bundesrepublik wurden Althistoriker heftig angegriffen, wenn sie darlegten, dass Arminius’ Ziel keinesfalls die Freiheit des deutschen Volkes vor auswärtigen Unterdrückern gewesen ist. Und nicht immer ist die intentionale Heranziehung von Geschichte negativ: Gerade das Beispiel des modernen Griechenland, das als völlig heterogenes Gebilde unter ungünstigen Bedingungen im 19. Jahrhundert entstanden war, zeigt, wie eine erfolgreiche Identitätsbildung durch die Konstruktion einer gemeinsamen Vergangenheit erfolgen kann.

Beide Parlamente haben jetzt den Vertrag gebilligt, aber das bedeutet noch nicht, dass dadurch bei der Bevölkerung in beiden Ländern die Relevanz Alexanders des Großen und des antiken Makedonien in der eigenen Identitätsbildung geringer wird.

 

Christian Mann & Alexander Meeus

Christian Mann ist Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte an der Universität Mannheim.

Alexander Meeus ist akademischer Rat am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Mannheim.

 

Weiterführende Literatur

Eugene N. Borza, „Macedonia Redux“, in Frances B. Tichener & Richard F. Moorton (Hgg.), The Eye Expanded: life and the arts in Greco-Roman Antiquity, Berkeley, CA, 1999, S. 249-266.

Andrew Erskine, „Ancient History and National Identity“, in ders. (Hg.), A Companion to Ancient History, Chichester 2009, S. 555-563.

Hans-Joachim Gehrke, „Mythos, Geschichte, Politik — antik und modern“, Saeculum 45 (1994), S. 239-264.

Peter Van Nuffelen, „Sind die Mazedonier Griechen? Über Forschungsgeschichte und Nationalismus“, in Martin Lindner (Hg.), Antikenrezeption 2013 n. Chr. (Rezeption der Antike 1), Heidelberg 2013, S. 88-106.

Andreas Willi, „Whose is Macedonia, Whose is Alexander?“, The Classical Journal 105 (2009), S. 57-62.

 

Bild: Moderne Statue Alexanders des Großen in Thessaloniki, photographiert durch Frank Stutzenstein (Wikimedia Commons)

Thukydides’ Rhetorik verstehen

(This text is also available in English)

Thukydides (ca. 460-400 v. Chr.) ist der Verfasser eines antiken Geschichtswerks über den Peloponnesischen Krieg. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurde es oft dafür bewundert, dass es vorausgreifende Ideen über die wissenschaftliche Geschichtsschreibung beinhalten würde, die vollständig mit der Herangehensweise der modernen Geschichtswissenschaft übereinstimmen. Einer dieser Aspekte der modernen, westlichen Geschichtswissenschaft ist eine starke Abneigung gegenüber Rhetorik, die oft als unanständig angesehen wird und nur dazu diene, Fiktion als Fakt darzustellen. Viele Bewunderer sehen das Werk daher nicht als ein rhetorisch ausgeprägtes und schenken der Rolle von Rhetorik in Thukydides’ historischem Narrativ wenig Aufmerksamkeit; die Reden sind selbstverständlich ein anderes Thema.

Zwar distanziert Thukydides in I 21.1 seine eigene Herangehensweise deutlich von dem der Dichter und Logographen (ob Redner oder Geschichtsschreiber gemeint sind, wissen wir nicht), die lediglich schreiben, um das Publikum zu unterhalten. Jedoch ist sein Ziel hier nicht nur, sein ausschließliches Interesse an der Wahrheit dazustellen, sondern auch polemisch Überlegenheit gegenüber denen zu beanspruchen, die er bezichtigt, einzig auf Unterhaltung abzuzielen. Diese Fälle von Eigenwerbung und Beschuldigung von Vorgängern sollten jedoch immer mit einer gewissen Skepsis begegnet werden. Man muss sich außerdem fragen, ob ein Text jemals komplett frei von rhetorischen Elementen sein kann, die im Grunde genommen lediglich ein Weg sind, Ideen möglichst überzeugend zu formulieren.

In diesem Kontext ist es hochinteressant, die wissenschaftlichen Interpretationen von Thukydides’ Aussage zu betrachten, dass kein anderes Ereignis im Peloponnesischen Krieg eine größere Panik hervorgerufen hätte als die peloponnesische Attacke auf Salamis im Jahr 429:

ἔκπληξις ἐγένετο οὐδεμιᾶς τῶν κατὰ τὸν πόλεμον ἐλάσσων
„eine Panik brach aus, die größer war als alle anderen während des Krieges“
(Thuk. II 94.1)

Jedoch scheint sich Thukydides in einer späteren Passage über den Aufstand auf Euboia im Jahr 411 zu widersprechen, indem er eine sehr ähnliche Aussage trifft:

ἔκπληξις μεγίστη δὴ τῶν πρὶν παρέστη
„die größte Panik, die es je gegeben hat, brach aus“
(Thuk. VIII 96.1)

Historiker haben den offensichtlichen Widerspruch als Zeichen von verschiedenen Kompositionsstadien interpretiert, nach denen sie bei Thukydides, anders als nach rhetorischen Elementen, schon lange bereitwillig suchen. In der Regel wird der Peloponnesische Krieg in drei Phasen unterteilt: Der Archidamische Krieg (431-421 v. Chr.), der Nikiasfrieden (421-416 v. Chr.) und der Dekeleische Krieg (415-404 v. Chr.). Die Aussage über den Angriff auf Salamis in II 94.1 wird von diesen Historikern dann so interpretiert, dass sie sich nur auf den Archidamischen Krieg beziehen würde und es wird folglich angenommen, dass sie vor 415 geschrieben worden sein musste. Diese Ansicht wird in den meisten Kommentaren zu Thukydides’ zweitem Buch deutlich:

„clearly, one would say, referring to the Archidamian War only, and written before 415 B.C. Cf. VII 71.7, VIII 1, 96.1“ (A.W. Gomme, A Commentary on Thucydides, books II-III, Oxford 1956, ad loc.).

„This was probably written with reference to the Archidamian War only: for later panic in Athens see VI 28-9, VIII 1.2, and (fear for the Piraeus again) VIII 92.3 with 94, 96; in 413 at Syracuse after the Athenian defeat in the great harbour ‘the immediate result was a panic as great as at any time’“ (P.J. Rhodes, Thucydides, History II, Warminster 1988, ad loc.).

„evidently an ‘early’ passage, written before 421“ (J.S. Rusten, Thucydides. The Peloponnesian War, book II, Cambridge 1989, ad loc., with reference to that part of the introduction on “Inconsistencies of detail” as “Evidence on composition”).

Dass die Aussage über die größte Panik als Beweis von Kompositionsstadien gesehen wird, ist wahrscheinlich am erstaunlichsten im Fall von P.J. Rhodes, da er gleich vor seiner Interpretation der Textstelle Thukydides’ Neigung zu Superlativen feststellt. Diese beschreibt er im Detail in der Einleitung zu seinem Kommentar (Ebd., S. 3-4), indem er Folgendes aufzeigt:

Though Thucydides’ narrative manner is commonly thought of as matter-of-fact, he is actually very willing to use superlatives. At the outbreak of the Peloponnesian War the Greek states were more powerful than ever before (I 1.3, 18.3-19, Archidamus in II 11.1); never before had there been such destructions of cities, banishment and slaughter of people, earthquakes, eclipses, famine and diseases (I 23.3); the losses of Ambracia in the battle at Idomene were ‘the greatest disaster to befall a single city in the same number of days in this war’ (III 113.6); the massacre at Mycalessus was a ‘lamentable disaster, second to none in the war for the size the place’ (VII 30.3); and the disaster suffered by the great Athenian invasion of Sicily was the greatest ever (VII 75.7, 87.5-6). In book II, there had never been such a fatal disease as the plague at Athens (47.3), ….

Auf dieser Grundlage scheint es klar, dass die Aussagen über die größte Panik in 429 und 411 als rhetorisches betonendes Element verstanden werden sollten, wie Hornblower richtigerweise in seinem Kommentar zu dieser Passage beobachtet:

„But at viii 96.1, Thucydides will say almost exactly this about the revolt of Euboia in 411. Strictly, this should mean that the present passage refers to the Archidamian War only, and consequences about composition dates would follow. But I cannot help thinking that this is to press unduly what is no more than a favourite Thucydidean way of making an emphatic point.“ (S. Hornblower, A Commentary on Thucydides, vol. I, Oxford 1991: ad loc.)

Doch nicht nur durch die bei Rhodes diskutierte Praxis des Thukydides, sondern auch durch die Übereinstimmung mit der Theorie zur epideiktischen Rede wird klar, dass diese Passagen tatsächlich als rein rhetorische Aussagen verstanden werden sollten. Epideiktik ist die rhetorische Gattung der Fest- und Gelegenheitsreden, zu der man auch die in der Geschichtsschreibung angewandte Rhetorik rechnete. Man beachte die folgenden Passagen aus rhetorischen Abhandlungen darüber, wie man nachdrücklich jemanden loben sollte:

„Es ist auch notwendig, viele Sachen hochzuspielen, z.B. wenn der Gelobte etwas als einziger oder als erster oder als einer von wenigen oder am meisten gemacht hat: Denn alle diese Sachen sind rühmlich.“ (Arist., Rhet. I 9.38)

„Man muß aber Taten auswählen, die durch Größe vorzüglich oder hinsichtlich der Neuheit die ersten oder in ihrem Wesen selbst einzig sind. Denn weder unbedeutende noch gewöhnliche noch gemeine Dinge pflegen der Bewunderung oder überhaupt des Lobes würdig zu erscheinen.“ (Cic., De Oratore II 85.347 – Übers. Kühner)

„[…] nur müssen wir wissen, daß es den Hörern willkommener ist zu hören, was jemand als einziger oder erster oder doch nur mit wenigen geleistet haben soll; ferner wenn etwas über das hinaus, was zu hoffen und zu erwarten war, gelungen ist, zumal aber, was er eher für andere geleistet hat als für sich selbst.“ (Quint., Inst. Orat. III 7.16 – Übers. Rahn)

All diese Theoretiker behandeln das Phänomen der Amplifikation (lat.: amplificatio), das im Grunde genommen alle Stilmittel zur Vergrößerung des rhetorischen Effekts einer Aussage beinhaltet und deutlich an Thukydides’ Praxis erinnert. Dass Aristoteles (384-322 v. Chr.) der frühste zitierbare Autor ist, kann dadurch erklärt werden, dass er der erste erhaltene Theoretiker der Rhetorik ist. Dies muss daher nicht zwangsläufig bedeuten, dass seine Theorie irrelevant für Thukydides ist. Und selbst wenn diese Theorie erst formuliert worden wäre, nachdem Thukydides sein Werk verfasst hatte, hätte er einen verbreiteten Trick genutzt, der lediglich noch darauf wartete, in Handbüchern zur Rhetorik theoretisiert zu werden.

Es wird daraus deutlich, dass wir antike Autoren niemals mit modernen Erwartungen an die Abwesenheit von Rhetorik bzw. dem Primat historischer Beschreibung über die Rhetorik lesen können. Während es eine legitime Beschäftigung für Wissenschaftler ist, nach Hinweisen für verschiedene Kompositionsstadien zu forschen, ist es immer riskant, unseren Wunsch nach nützlichen Erkenntnissen mehr zu gewichten als den historischen Kontext des Autors.

 

Alexander Meeus

Alexander Meeus ist akademischer Rat am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Mannheim.

 

(Übersetzung: Simon Schall)

 

Weiterführende Literatur:

J.H. Neyrey, ‘“First”, “Only”, “One of a Few”, and “No One Else”. The Rhetoric of Uniqueness and the Doxologies in 1 Timothy’, Biblica 86 (2005), S. 59-87, auf S. 59-68 bietet er weitere Beispiele für rhetorische Theorie und Praxis (online abrufbar).

Über die antike Rhetorik im Allgemeinen siehe: L. Pernot, Rhetoric in Antiquity, Washington DC 2005.

Die Literatur zu Thukydides ist enorm. Unter vielen guten Einführungen siehe z.B.:
J. Marincola, Greek Historians (Greece & Rome: New Surveys in the Classics 31), Cambridge 2001, 61-104.

N. Morley, Thucydides and the Idea of History, London 2014, behandelt die Rezeption von Thukydides.

Über das Verhältnis von Rhetorik und moderner Geschichtsschreibung siehe z.B.:
J. Rüsen, Konfigurationen des Historismus: Studien zur deutschen Wissenschaftskultur, Frankfurt a. M. 1993, 114-135.

 

Bild: Gibsabdruck einer römischen Büste, die im Allgemeinen mit Thukydides identifiziert wird (Wikimedia commons).

Reading Thucydides’ Rhetoric

(Diesen Beitrag auf Deutsch lesen)

Thucydides (ca. 460-400 BC) wrote a history of the Peloponnesian War that for much of the 19th and 20th century has been admired – whether rightly or not – for prefiguring ideas about scientific historiography that accorded completely with modern historiographical thinking and practice. One aspect of modern western scientific history is a strong aversion to rhetoric, which is often considered a dirty word, referring to a means merely used to present fiction as fact. Thus, the many admirers of Thucydides would not describe him as a rhetorical historian and would not be inclined to pay much attention to the presence and role of rhetoric in his narrative of events; the speeches, of course, are a different matter.

To be sure, in I 21.1 Thucydides clearly sets off his own approach from that of those poets and logographers (historians or orators, we do not know), who write to please the ear. But here his purpose is not just to emphasize that his interest is solely with the truth, but also polemically to claim superiority over those whom he accuses of solely aiming at entertainment. Such cases of oppositional self-promotion and accusation of predecessors, however, always need to be taken with a grain of salt. It needs to be asked, furthermore, whether any text can ever be completely free of rhetoric, which is after all merely a way of phrasing one’s ideas in the – for the intended audience – most persuasive manner possible.

In this context it is highly interesting to look at scholarly interpretations of Thucydides’ statement that on no other occasion in the Peloponnesian war there was greater panic than during the Peloponnesian attack on Salamis in 429:

ἔκπληξις ἐγένετο οὐδεμιᾶς τῶν κατὰ τὸν πόλεμον ἐλάσσων
“there was panic greater than with any other event of the war”
(Thuc. II 94.1)

Yet in a later passage about the revolt of Euboia in 411 Thucydides seems to create a contradiction by making a very similar claim:

ἔκπληξις μεγίστη δὴ τῶν πρὶν παρέστη
“the greatest panic ensued, such as had never occurred before”
(Thuc. VIII 96.1)

Scholars have often taken the apparent contradiction to be a sign of different stages of composition, something which, unlike rhetoric, they have for a long time been very eagerly looking for in Thucydides. The Peloponnesian War, namely, is usually divided into three phases: the Archidamian War (431-421 BC), the Peace of Nikias (421-416 BC), the Dekeleian War (415-404 BC). The statement about the attack on Salamis at II 94.1 is then considered to concern only the Archidamian war and is assumed to have been written before 415 at the latest, as is clear from the views expressed in most commentaries on Thucydides’ second book, e.g.:

“clearly, one would say, referring to the Archidamian War only, and written before 415 B.C. Cf. VII 71.7, VIII 1, 96.1”
(A.W. Gomme, A Commentary on Thucydides, books II-III, Oxford 1956, ad loc.).

“This was probably written with reference to the Archidamian War only: for later panic in Athens see VI 28-9, VIII 1.2, and (fear for the Piraeus again) VIII 92.3 with 94, 96; in 413 at Syracuse after the Athenian defeat in the great harbour ‘the immediate result was a panic as great as at any time’”
(P.J. Rhodes, Thucydides, History II, Warminster 1988, ad loc.).

“evidently an ‘early’ passage, written before 421”
(J.S. Rusten, Thucydides. The Peloponnesian War, book II, Cambridge 1989, ad loc., with reference to that part of the introduction on “Inconsistencies of detail” as “Evidence on composition”).

That the statement about the greatest panic is taken as evidence of composition is perhaps most surprising in the case of P.J. Rhodes, who just before putting forward that interpretation has noted “Thucydides’ fondness for this kind of superlative”, which he describes in some detail in the introduction to his commentary (ibid., pp. 3-4). There he points out for instance that:

“Though Thucydides’ narrative manner is commonly thought of as matter-of-fact, he is actually very willing to use superlatives. At the outbreak of the Peloponnesian War the Greek states were more powerful than ever before (I 1.3, 18.3-19, Archidamus in II 11.1); never before had there been such destructions of cities, banishment and slaughter of people, earthquakes, eclipses, famine and diseases (I 23.3); the losses of Ambracia in the battle at Idomene were ‘the greatest disaster to befall a single city in the same number of days in this war’ (III 113.6); the massacre at Mycalessus was a ‘lamentable disaster, second to none in the war for the size the place’ (VII 30.3); and the disaster suffered by the great Athenian invasion of Sicily was the greatest ever (VII 75.7, 87.5-6). In book II, there had never been such a fatal disease as the plague at Athens (47.3), ….”

On that basis, it seems clear that the statements about the greatest panic in 429 and 411 are just to be read as a rhetorical way of stressing something, as Hornblower rightly observes in his commentary on the passage:

“But at viii 96.1, Thucydides will say almost exactly this about the revolt of Euboia in 411. Strictly, this should mean that the present passage refers to the Archidamian War only, and consequences about composition dates would follow. But I cannot help thinking that this is to press unduly what is no more than a favourite Thucydidean way of making an emphatic point.”
(S. Hornblower, A Commentary on Thucydides, vol. I, Oxford 1991: ad loc.)

That the passage is indeed to be understood as a merely rhetorical statement is confirmed not only by Thucydides’ practice as discussed by P.J. Rhodes, but also by the way in which it confirms to the theory of epideictic oratory. Epideictic or ceremonial oratory is the oratorical genre under which historiographical rhetoric was classified in Antiquity. Consider the following passages from rhetorical treatises about how to make an emphatic point in praising someone:

“[In epideictic] one should also use many kinds of amplification, for example if the subject [of praise] is the only one or the first or one of a few or the one who most has done something; for all these things are honorable”.
(Aristotle, Rhetoric I 9.38)

“And one must select achievements that are of outstanding importance or unprecedented  or unparalleled in their actual character; for small achievements or those that are not unusual or out of the ordinary are not as a rule felt to be specifically admirable or to deserve praise at all”.
(Cicero, De Oratore II 85.347)

“(…) what most pleases an audience is the celebration of deeds which our hero was first  or only man or at any rate one of the very few to perform: and to these we must add any other achievements which surpassed hope or expectation”.
(Quintilian, Institutio Oratoria III 7.16)

All these theorists deal with the phenomenon of amplification (Latin amplificatio), which is basically any means to enhance the rhetorical effect of a statement in a way that is clearly reminiscent of Thucydides’ practice. That Aristotle (384-322 BC) is the earliest theorist that can be quoted, is simply to be explained by the fact that he is earliest preserved rhetorical theorist, and thus need not mean that this theory is irrelevant for Thucydides. And even if the theory would have been formed only after Thucydides had written his work, he still could have employed a common trick that was simply awaiting being theorized in the rhetorical handbooks as soon as those started to be written.

It becomes clear, then, that we can never read an ancient author with modern expectations about the absence of rhetoric or at least about the prioritisation of classification over rhetoric. And while it is a legitimate pursuit for scholars to look for evidence of different stages of composition, it is always dangerous to let our desire for useful information get the better of the respect for the historical context of the author.

 

Alexander Meeus

Alexander Meeus is a postdoctoral scholar in the Department of Ancient History at the University of Mannheim

 

Suggestions for further reading

J.H. Neyrey, ‘“First”, “Only”, “One of a Few”, and “No One Else”. The Rhetoric of Uniqueness and the Doxologies in 1 Timothy’, Biblica 86 (2005), 59-87, p. on 59-68 offers further examples from both rhetorical theory and practice (available online).

For more on rhetoric on Antiquity, see L. Pernot, Rhetoric in Antiquity, Washington DC 2005.

The literature on Thucydides is enormous. Among many good introductions, see e.g. J. Marincola, Greek Historians (Greece & Rome: New Surveys in the Classics 31), Cambridge 2001, 61-104.

N. Morley, Thucydides and the Idea of History, London 2014, treats the reception of Thucydides.

On Rhetoric in modern historiography, see e.g. J. Rüsen, Konfigurationen des Historismus: Studien zur deutschen Wissenschaftskultur, Frankfurt a.M. 1993, 114-135.

 

Image: Plaster cast of a Roman bust commonly identified as Thucydides (Wikimedia commons).

 

Where Sports and Politics Met: Chariot Racing in the Byzantine Empire

(Diesen Text auf Deutsch lesen)

In the sixth century, Roman-style chariot racing was the Byzantine (or Eastern Roman) Empire’s most popular spectator sport, having outlasted the infamous gladiatorial fights and wild beast hunts of the earlier imperial period. The rules of the sport remained essentially the same. The standard race would have been quite familiar to modern observers, with starting boxes and a finish line. There were many variations to keep the races fresh. A particular favorite was the diversium, in which the winning charioteer exchanged horses and chariots with a losing charioteer, and then raced again. Victory in this rematch would prove that the originally victorious charioteer won because of his skill, not because of his horses and equipment. The imperial government administered and financed four racing teams (Blue, Green, White, and Red), which owned the horses and equipment and employed the charioteers. Byzantine chariot races took place in large arenas known as hippodromes. In the fifth and sixth centuries, the heyday of Byzantine chariot racing, hippodromes dotted the lands around the Eastern Mediterranean.

After the sixth century, chariot racing declined in the Byzantine world generally, in large part because it had become intimately connected to government finances. The Byzantine government experienced significant setbacks in the seventh century with the Persian War and the subsequent Arab invasions. The resulting financial difficulties probably led to the disappearance of racing in provincial cities, which we cease to hear about in the seventh century. However, chariot racing and the racing teams definitely survived in Constantinople in diminished form until at least the twelfth century. The attack of the Fourth Crusade in 1204 probably played a role in its eventual disappearance, although chariot racing had probably already been in decline in the years leading up to that event.

It is likely that the emperors preserved chariot racing in Constantinople not just because it made for good entertainment, but also because the races provided an opportunity for the people and emperor to have some face time with one another. The emperors regularly attended the races, as of course did a great many citizens of Constantinople. It is estimated that the hippodrome could hold 100,000 spectators, so this was the largest setting for imperial interaction with the people of the city. In general, it seems that emperors appearing in the hippodrome had an expectation (or perhaps merely a hope) that they would be cheered or otherwise supported by the spectators gathered there. For example, in 602 the emperor Maurice used heralds to address the crowd in the hippodrome and assure them that the revolt of Phocas was not serious. He then ordered a series of chariot races to amuse the assembled people. The fans of the Blues responded by leading a chant in support of Maurice, assuring him (falsely, as it turned out) that he would overcome his enemies (Theophylact The History 8.7.8–9). This is an indication of the way that emperors hoped to use the circus racing factions to their political advantage.

Of course the spectators themselves did not merely show up to support their emperor. They frequently hoped to make requests of the emperor for the improvement of some aspect of their daily lives. These requests could and sometimes did relate to chariot racing itself, as when racing fans of all four colors shouted for the famous charioteer Porphyrius in the hopes that he would be assigned to race for their team. Requests ranged far beyond racing, however. In 512, the people in the hippodrome protested against the emperor Anastasius and shouted for his ecclesiastical advisors to be thrown to wild beasts. Anastasius responded by appearing in the hippodrome without his crown, promising to do everything the people asked, and swearing to abdicate if they wished it. This response pacified them and they acclaimed Anastasius and left peacefully (John Malalas Chronographia 16.19). So in the heyday of Byzantine chariot racing, the spectacle was not merely a form of entertainment, but a forum for discussion between emperor and people. Both hoped to get something from the exchange. A chariot race was the emperor’s chance to speak with many of his people at once, and the people’s chance to confront the emperor directly on their terms with relative anonymity. These exchanges were an essential part of the give and take of government in Byzantium, and they took place in the hippodrome, before, after, and even during the races.

 

David Alan Parnell

David Alan Parnell is Assistant Professor of History at Indiana University Northwest

 

Suggestions for further reading:

Alan Cameron, Circus factions: Blues and Greens at Rome and Byzantium (Oxford, 1976).

David Alan Parnell, “Spectacle and Sport in Constantinople in the Sixth Century” in Companion to Sport and Spectacle in Greek and Roman Antiquity, edited by Paul Christesen and Donald Kyle, Malden 2014, pp. 633-645.

 

Photo:

The emperor Theodosius I (r. 379-395) and the people of Constantinople at the hippodrome, from a bas-relief of the pedestal for the obelisk of Theodosius, which was placed in the median strip of the race track. Photo by the author.

Wo sich Sport und Politik trafen: Wagenrennen im Byzantinischen Reich

(This text is also available in English)

Die römischen Wagenrennen waren im Byzantinischen (oder Oströmischen) Reich des 6. Jahrhunderts das beim Volk beliebteste Sportevent und hatten zu diesem Zeitpunkt sogar die die berüchtigten Gladiatorenkämpfe und Tierhetzte der frühen Kaiserzeit überdauert. Die Regeln des Sportes blieben dabei im Wesentlichen gleich: Ähnlich wie heute gab es bei den meisten Wagenrennen Startboxen und eine Ziellinie, sodass das Rennen dem modernen Zuschauer wohl sehr vertraut vorkommen würde. Es gab jedoch auch verschiedene Variationen um die Rennen weiterhin spannend zu gestalten. Ein besonderer Favorit war das sogenannte diversium, bei dem der siegreiche Wagenlenker sein Pferdegespann mit dem des Verlierers tauschen musste. Siege, die bei einer Revanche erlangt wurden, bewiesen, dass der Wagenlenker nicht aufgrund seiner Pferde und seines Equipments gewonnen hatte, sondern aufgrund seiner eigenen Fähigkeiten. Die kaiserliche Regierung verwaltete und finanzierte vier verschiedenen Teams (die Blauen, Grünen, Weißen und Roten), welche die Pferde und die Ausrüstung besaßen und die Wagenlenker beschäftigten. Byzantinische Wagenrennen wurden in großen Arenen, den sogenannten Hippodromen, abgehalten. Während der Blütezeit der Pferderennen im 5. und 6. Jahrhundert war der gesamte östliche Mittelmeerraum mit Hippodromen übersät.

Nach dem 6. Jahrhundert nahm die Bedeutung der Pferderennen in der byzantinischen Welt generell ab, was zum Großteil daran lag, dass die Rennen stark mit den Staatsfinanzen verflochten waren. Die byzantinische Regierung musste im 7. Jahrhundert im Zuge des persischen Krieges und der anhaltenden arabischen Einfälle herbe Rückschläge einstecken, was zu finanziellen Schwierigkeiten und damit einhergehend zum Verschwinden der Rennen, von denen wir in dieser Zeit immer weniger hören, in den Provinzstädten führte. Nichtsdestotrotz gab es Pferderennen und die dazugehörigen Teams in Konstantinopel bis ins 12. Jahrhundert, wenn auch in kleinerem Rahmen. Obwohl der vierte Kreuzzug im Jahr 1204 vermutlich eine gewisse Rolle beim endgültigen Verschwinden der Rennen spielte, so scheint es doch plausibel, dass Wagenrennen bereits in den Jahren davor in ihrer Bedeutung zurückgingen.

Dass die Kaiser Wagenrennen in Konstantinopel nicht nur wegen ihres Unterhaltungspotenzials austrugen, lag wohl daran, dass sie eine gute Gelegenheit für ein persönliches Zusammentreffen von Kaiser und Volk boten. Denn auch der Kaiser besuchte häufig die Rennen, so wie selbstverständlich auch viele der Bürger Konstantinopels. Im Hippodrom fanden schätzungsweise 100.000 Besucher Platz, was es zur größten Plattform für die kaiserliche Interaktion mit dem Volk machte. Generell scheint der Besuch des Kaisers im Hippodrom mit der Erwartung (oder zumindest der Hoffnung) verbunden gewesen zu sein, von der dort versammelten Menge bejubelt oder anderweitig unterstützt zu werden. So ließ zum Beispiel Kaiser Maurikios im Jahr 602 Herolde zu der Menge im Hippodrom sprechen, um ihnen zu versichern, dass die Revolte des Offiziers Phokas nicht ernstzunehmen sei. Danach ordnete er eine Reihe von Wagenrennen an, um die versammelte Menschenmenge zu unterhalten. Die Fans der Blauen reagierten hierauf mit dem Anstimmen einer Lobeshymne auf Maurikios, in der sie ihm (wie es sich herausstellen sollte fälschlicherweise) den Sieg über seine Feinde voraussagten (Theophylaktos, Geschichte 8, 7, 8–9), ein klares Beispiel der kaiserlichen Versuche, sich die Zirkusparteien politisch zu Nutze zu machen.

Natürlich kamen die Zuschauer nicht nur ins Hippodrom um ihren Kaiser zu unterstützen. Häufig hatten sie die Hoffnung selbst Bitten an den Kaiser herantragen zu können, um das alltägliche Leben verbessern zu können. Diese Bitten standen in manchen Fällen auch direkt mit den Wagenrennen in Verbindung, zum Beispiel als die Fans aller vier Farben in der Hoffnung riefen, dass der berühmte Wagenlenker Porphyrius ihrem Team zugeordnete werden und somit für sie am Rennen teilnehmen solle. In vielen Fällen reichten die Anfragen jedoch über die Belange der Rennen hinaus. So protestierte das Volk im Hippodrom 512 gegen den Kaiser Anastasios und verlangten, dass seine geistlichen Berater wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden sollten. Anastasios selbst reagierte hierauf indem er ohne seine Krone im Hippodrom erschien und der Menge versprach, allen Bitten nachzugeben und er schwor sogar abzutreten, wenn sie dies wünschten.  Diese Reaktion beschwichtigte die Menge, die Anastasius bejubelte und danach friedlich abzog (Johannes Malalas, Weltchronik 16, 19). Während der Blütezeit des byzantinischen Wagenrennens war das Spektakel also nicht nur eine Form des Entertainments, sondern bot auch ein Forum für Diskussionen zwischen Kaiser und Volk, wobei sich beide Seiten aus diesem Austausch etwas erhofften.  Die Wagenrennen gaben dem Kaiser die Möglichkeit mit einer großen Anzahl seiner Untertanen gleichzeitig zu kommunizieren, während das Volk die Chance hatte, den Kaiser zu ihren Bedingungen relativ anonym zu konfrontieren. Dieser Austausch war ein essentieller Bestandteil des Gebens und Nehmens der byzantinischen Regierung und war unmittelbar mit den Ereignissen vor, nach und während der Rennen im Hippodrom verbunden.

 

David Alan Parnell

David Alan Parnell ist Assistant Professor für Geschichte an der Indiana University Northwest

(Übersetzung: Melanie Meaker)

 

Mehr zu diesem Thema:

Alan Cameron, Circus factions: Blues and Greens at Rome and Byzantium (Oxford, 1976).

David Alan Parnell, “Spectacle and Sport in Constantinople in the Sixth Century” in Companion to Sport and Spectacle in Greek and Roman Antiquity, edited by Paul Christesen and Donald Kyle, Malden 2014, S. 633-645.

 

Bild:

Der Kaiser Theodosius I. (379-395) und Volk von Konstantinopel im Hippodrom auf einem Basenrelief auf dem Sockel des Obelisken des Theodosius, welcher in der Mitte der Rennstrecke platziert wurde.

Circus Maximus vs. Colosseum: For the Ancient Romans, there was no contest

(Diesen Text auf Deutsch lesen)

In 2008, The Independent published a story entitled “After 1,500 years as a ruin, gladiators’ stadium to be restored”. There the author describes how, at a now-derelict site in Rome, “gladiators and wild animals fought in mortal combat, and the central arena was often flooded so miniature triremes could battle it out for the Romans’ delight”. That the story concerned the plans of the Soprintendenza Archeologica di Roma (the archaeological arm of the Italian Ministry for Cultural Heritage and Tourism) to restore the site of the Circus Maximus— not the Colosseum—reflects a humorous, if persistent, irony: the Circus Maximus may have held the greatest audience of any spectacle in ancient Rome, but it is only when repackaged as a “gladiators’ stadium” today that it can compete for some share of the contemporary imagination.

And yet, the reality in antiquity was the opposite of our expectations today. For among the many misperceptions about the Roman games that have become widespread, especially as a result of popular film and television, is the belief that gladiatorial games were the premiere spectacle at Rome: for instance, it is often supposed that they attracted the biggest audiences or the most partisan fans. In fact, neither assumption is true. The Circus Maximus was many centuries older and considerably larger than the Colosseum. Chariot races draw the largest crowds in Rome and throughout the empire and continued to do so centuries after the gladiatorial games fade away. Furthermore, there is no evidence for spectators in arenas behaving as fanatically as those in circuses or even theaters.

What was the appeal of the races in the circus? A day there could be hot, noisy, and dirty, but it held out many attractions besides the thrill of the races themselves and their accompanying spectacles. While the glare of the sun mad it hard to see, the roar of the crowd mad it hard to hear, both problems that the signaling system of trumpets and lap counters on the euripus (the central dividing barrier) somewhat alleviated. Seats at the circus, which are described as narrow, hard, and dirty, could add to the discomfort. However, because “the law of the place” allowed men and women to sit beside one another, the circus held out the promise of a chance romantic encounter that sexually segregated seating at the theater and amphitheater forbade (Ovid The Art of Love 1.142). Ovid counsels his readers to exploit their cramped quarters to pick up attractive female spectators (1.135 ff.; cf. Amores 3.2).

Opportunity and chance also lie behind the other major attractions of the races: prizes, betting, and curses. Nero and Hadrian, among others, staged imperial “giveaways” in which tiny inscribed balls were thrown into the stands and the audience members who caught them could claim prizes such as food, clothing, and animals (Cassius Dio 62.18.2; 69.8.2). Placing wagers was rife (Tertullian On the Spectacles 16.1; Martial Epigrams 11.1.15) and the outcome of such risk-taking, whether positive or negative, could be swift and emotional: one commoner fainted in the stands after the horse he bet on made a come-from-behind victory (Epictetus 1.11.27), while a praetor allegedly lost his fortune betting at the very games he organized (Juvenal, Satires 11, 194–96). Juvenal captures all of these elements of the experience – the heat, the noise, the betting, and the crowd’s topsy-turvy state – when he grouses about the circus clamor that interrupts his dinner party (Satires 11.193).

When taken as a collective, these literary sources and the preserved visual and material culture (e.g., fan memorabilia, domestic decoration, funerary monuments) demonstrate that the circus games were much more than public, ceremonial occasions. Rather, they were events that could play a significant role in the way that Romans at all levels of society structured their private experience, both inside and outside the arena. To be sure, a chief attraction of attending the games was their edge-of-your-seat, high-speed spectacle: the opportunity to witness a favorite faction, charioteer, or horse prevail while risking life and limb and, at the same time, to watch rivals suffer spectacular crashes in defeat. And yet for many spectators, race days might also entail thrilling moments of personal revelation – of winning a prize or a bet, of discovering a lover in the stands, of seeing a curse fulfilled, of finding salvation in a hero or losing all hope witnessing his death. Romans came to the circus not only to live in the hyper-charged present, to see and be seen within the collective hive, but also to imagine an escape from their own mundane lives, perhaps even to alter their fates. The potential for such moments of revelation, set against the backdrop of high drama, undoubtedly explains why – hundreds of years after he wrote them – Juvenal’s words still rang true: “all Rome today is in the Circus” (Satires 11.197).

 

Sinclair Bell

Sinclair Bell is Associate Professor of Art History at Northern Illinois University.

 

Further reading on this topic:

Sinclair Bell & Carolyn Willekes, “Horse Racing and Chariot Racing.” In The Oxford Handbook of Animals in Classical Thought and Life, edited by G. Campbell, 478–90. Oxford: Oxford University Press 2014.

Sinclair Bell, “Roman Chariot-Racing: Charioteers, Factions, Spectators.” In Wiley-Blackwell Companion to Sport and Spectacle in Greek and Roman Antiquity, edited by P. Christesen and D. Kyle, 492–504. Malden, Mass.: Wiley-Blackwell 2014.

 

Image: A modern recreation of chariot racing set (wrongly) in a gladiatorial arena in Puy du Fou (Wikipedia).

Circus Maximus oder Kolosseum: Für die Römer keine Frage

(This text is also available in English)

Im Jahr 2008 veröffentlichte The Independent einen Artikel mit der Überschrift „Nach 1.500 Jahren als Ruine wird das Stadion der Gladiatoren instandgesetzt“ (Originaltitel: „After 1,500 years as a ruin, gladiators’ stadium to be restored“). Darin beschreibt der Autor, wie an einem jetzt heruntergekommenen Ort in Rom einst „Gladiatoren und wilde Tiere im tödlichen Kampf gegeneinander antraten und dass die Mitte der Arena oft geflutet wurde, damit Miniatur-Trieren dort zur Freude der Römer gegeneinander kämpfen konnten“. Dass sich der Artikel mit dem Plan der Soprintendenza Archeologica di Roma (des archäologischen Diensts des Ministeriums für Kulturgüter und Tourismus), zur Wiederherstellung des Circus Maximus und nicht des Kolosseums beschäftigt, spiegelt ironischerweise einen hartnäckigen Trugschluss wieder: Zwar war es der Circus Maximus, der die größte Zuschauermenge in Rom fasste, jedoch muss der Circus erst als „Gladiatorenstadium“ neuverpackt werden, um mit der zeitgenössischen Fantasie Schritt halten zu können halten zu können.

Die antike Realität gestaltete sich jedoch ganz anders als es unsere heutigen Erwartungen vermuten lassen. Zu den vielen Halbwahrheiten über die römischen Spiele, die sich besonders durch die Darstellungen in Film und Fernsehen in der Öffentlichkeit verbreitet haben, gehört auch die Ansicht, dass die Gladiatorenspiele die primären Spektakel in Rom gewesen sind: Zum Beispiel wird häufig angenommen, dass sie die meisten Zuschauer anlockten oder die glühendsten Fans besaßen. Tatsächlich entspricht keine dieser Annahmen der Wahrheit. Der Circus Maximus wurde mehrere Jahrhunderte früher gebaut und war wesentlich größer als das Kolosseum. Die Wagenrennen zogen zudem die größten Menschenmengen in Rom und dem gesamten Reich an und taten dies auch noch Jahrhunderte nachdem die Gladiatorenspiele verschwunden waren. Darüber hinaus gibt es keine Belege dafür, dass die Zuschauer in der Arena sich genauso fanatisch verhielten, wie diejenigen in den Circussen oder selbst den Theatern.

Worin bestand also der Reiz der Wagenrennen im Circus? Ein Tag dort konnte heiß, laut und dreckig sein, aber er hielt auch viele Attraktionen neben dem Nervenkitzel der Rennen an sich und den dazugehörigen Spektakeln bereit. Während die grelle Sonne die Sicht erschwerte, war es aufgrund des Gebrülls der Massen auch schwer etwas zu hören. Beide Probleme wurden durch ein Signal-System aus Trompeten und Rundenzählern auf dem sogenannten Euripus, der Trennwand in der Mitte der Rennbahn, geschmälert. Die Sitze im Circus, die als schmal, hart und dreckig beschrieben werden, führten zu weiterem Unbehagen. Aber weil hier Männern und Frauen rechtmäßig nebeneinander sitzen durften, ergab sich im Circus die Chance auf eine romantische Begegnung, was in den nach Geschlechtern getrennten Sitzreihen im Theater und Amphitheater unmöglich gewesen wäre (Ovid, Liebeskunst 1.142). Ovid rät seinen Lesern das beengte Zusammensitzen auszunutzen, um attraktive weibliche Besucher aufzureißen (1.135 ff.; cf. Amores 3.2).

Möglichkeiten und Chancen verbargen sich auch hinter den anderen großen Attraktionen des Rennens: den Preisen, Wetten und Flüchen. So veranstalteten neben anderen auch Hadrian und Nero kaiserliche Giveaways, bei denen kleine beschriftete Bälle in die Zuschauerränge geworfen wurden. Wer sie auffing, konnte Preise wie Essen, Kleidung und Tiere gewinnen (Cassius Dio 62.18.269.8.2). Wetten zu platzieren war weit verbreitet (Tertullian, De Spectaculis 16.1; Martial, Epigramme 11.1.15) und das Ergebnis dieser Risikobereitschaft, ob positiv oder negativ, konnte prompt und emotional sein: So fiel in den Zuschauerrängen ein einfacher Bürger in Ohnmacht, als dem Pferd, auf welches er gewettet hatte, ein Aufholsieg gelang (Epiktet 1.11.27); ein Praetor hingegen verlor angeblich beim Wetten sein Vermögen bei den Spielen, die er selbst organisiert hatte (Juvenal, Satiren 11, 194–96). Juvenal hält all diese Erlebniselemente fest – die Hitze, den Lärm, die Wetten, das verrückte Durcheinander der Menge – als er über das Geschrei im Circus jammert, das sein Gastmahl stört (Satiren 11.193).

Zusammengenommen betrachtet, zeigen die literarischen Quellen als auch die erhaltene visuelle und materielle Kultur (z.B. Fan-Andenken, häusliche Dekoration, Grabmonumente), dass die Circus-Spiele viel mehr waren als nur öffentliche, feierliche Veranstaltungen. Viel eher handelte es sich um Events, die eine signifikante Rolle dabei spielen konnten, auf welche Weise die Römer in allen Schichten der Gesellschaft ihre privaten Erfahrungen strukturierten, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Arena. Eines ist sicher, die Hauptattraktion beim Besuch der Spiele war das spannungsgeladene Hochgeschwindigkeits-Spektakel: die Möglichkeit, seinen favorisierten Rennstall, Wagenlenker oder das Lieblingspferd siegen zu sehen während Leib und Leben riskiert wurden, und gleichzeitig mitzuerleben wie die Rivalen spektakuläre Unfälle bei ihrer Niederlage erlitten. Und dennoch konnte für viele Zuschauer ein Renntag auch persönliche Offenbarungen mit sich bringen – das Gewinnen eines Preises oder einer Wette, den Beginn einer Romanze in den Rängen, die Erfahrung einen Fluch in Erfüllung gehen zu sehen, Erlösung in einem Helden zu finden oder alle Hoffnungen im Angesicht seines Todes zu verlieren. Die Römer kamen nicht nur in den Circus, um im Trubel der Gegenwart zu leben, und um in der Menge andere zu sehen und gesehen zu werden, sondern auch um aus ihren alltäglichen, monotonen Leben auszubrechen, oder sogar um ihr Schicksal zu ändern. Das Potential solcher mitreißenden und dramatischen Momente erklärt unzweifelhaft, warum Juvenals Worte, selbst hunderte Jahre nachdem er sie niederschrieb, immer noch Wahrheit verkünden: „Ganz Rom fasst heute der Circus” (Satiren 11.197).

 

Sinclair Bell

Sinclair Bell ist Associate Professor für Antike Kunstgeschichte an der Northern Illinois University.

(Übersetzung: Dominic Kaspar & Melanie Meaker)

 

Mehr zu diesem Thema:

Sinclair Bell & Carolyn Willekes, “Horse Racing and Chariot Racing.” In The Oxford Handbook of Animals in Classical Thought and Life, edited by G. Campbell, 478–90. Oxford: Oxford University Press 2014.

Sinclair Bell, “Roman Chariot-Racing: Charioteers, Factions, Spectators.” In Wiley-Blackwell Companion to Sport and Spectacle in Greek and Roman Antiquity, edited by P. Christesen and D. Kyle, 492–504. Malden, Mass.: Wiley-Blackwell 2014.

 

Bild: Ein modernes Reenactment eines römischen Wagenrennens (fälschlich) in einer Gladiatorenarena veranstaltet (in Puy du Fou) (Wikipedia).

Greek Horse Races, Politics, and Identity

(Diesen Text auf Deutsch lesen)

Everything was different at the Olympic Games of AD 67: they were held two years too late, musical contests had been added to the programme, and the victor was known before the competition had even started. The initiator of these changes was the man who saw himself as the most versatile athlete of the ancient world: the emperor Nero. According to our sources, he had become a little too ambitious in one discipline, though: his attempt to drive a ten-horse-chariot failed and he fell off the chariot much to the hidden amusement of the spectators.

In many ways the games of AD 67 were exceptional, and after Nero’s death, they were annulled and deleted from the victor lists. One aspect was not exceptional at all, however: the participation of prominent people in the horse races. For the hippic events, the Olympic victor lists read like a ‘who is who’ of Greek history.

Unlike Nero, however, most of these prominent participants would not have take the risk to make themselves a laughing-stock by personally driving their chariots. Success in the races mainly required investing a considerable amount of money: these race horses were not just proud animals, but expensive prestige objects. As such, part of their raison d’être simply was to demonstrate that their owners could afford them. So for many very rich people like Sicilian tyrants, Thessalian aristocrats or members of the incredibly wealthy dynasty of the Ptolemies who ruled over Egypt it simply was no question whether they should compete or not. Others, however, were more hesitant. So why did Greek elites engage in horse races?

 

Let’s begin with a possible, but most certainly incomplete answer: it was all about the race and the horses. The first thing we have to bear in mind here is that the perspective which matters most in ancient Greek horse races is not the perspective of the actual participants in the competition, the charioteers or jockeys, but that of the owners of the horses. They were the ones listed as victors, and we simply know next to nothing about the charioteers and jockeys.

The owners were proud of their horses and emphasized when they stemmed from their own breeding. Some even steered the chariots themselves. Yet the mere fact that horse owners were not necessarily present at the games in which their horses won victory (the locus classicus is Plut. Al. 3), suggests that some of the most important aspects of equestrian competition did not happen on the day of the race itself but after the contest. A true passion for equestrian competition may thus not have been the major driving force behind all of these agonistic activities. It was rather about winning, and maybe not even about winning itself, but about the celebration of the victory, since agonistic success gave enormous prestige and could be used to achieve and secure political power or to enforce a political argument.

To give an analogy from modern football, the club slogan of a well-known sports club from North Rhine-Westphalia which is “Echte Liebe” (“true love”) did not correspond to the mindset of Greek horse owners. For them, it was more about what the magazine of a rivalling and even more famous football club labeled in response as “Echte Spitze” (“truly at the top”). In order to be celebrated, you needed to win, not to be passionate.

 

Horse owners wanted to demonstrate that they were better (wealthier, more successful etc.) than their competitors. The essential components of agonistic poetry commissioned and written to perpetuate successes in this discipline included the place of victory, the discipline and the name of the victorious horse-owner, all other information was optional. It was surely possible to praise a victor “who delights in horses” (Pind. Ol. 1.23). Yet, even in such a case the emphasis was not on the passion for the animals, but on the close relationship between the owner and his objects of prestige.

 

So it comes as no surprise that successful charioteers did not reach the status of rich stars in Greek horse races. The horse owners monopolized the commemoration of the victory. They took center stage and had no need for any equivalent of the racing stables of the Roman circus factions. Greek horse owners used their victory celebrations for their own self-presentation and made good use of the symbolic capital inherent in the victory. Depending on what was useful for them in the political discourse of the day, they had poets to present a fitting image of their victory. Part of this image was an adequate social and political identity.

 

Horse races were not just a typical elite hobby like hunting. They had a competitive character and winning was key. This is why an often-quoted modern definition for “game” which is sometimes applied to sport does not hold true for Greek athletics, at least not for horse races. This definition specifies a “game” as “the voluntary effort to overcome unnecessary obstacles” (Bernard Suits), which lacks an essential component Greek sport: the element of competition (and winning).

 

To put it in a nutshell, there definitely was more than one possible reason for a Greek ruler or aristocrat to compete in horse races. A necessary prerequisite, though, was wealth – apart from the high cost of purchasing horses, the logistical operation to make it to the races was far from cheap too (see Sandra Zipprich’s contribution). Yet, some members of Greek elites were just happy with their parade horses or never engaged in horse breeding at all. So, the political usefulness of a possible agonistic victory was key. Competing in horse races was not simply the obvious thing to do. Neither was a passion for horses and horse races the decisive factor. Galloping horses in Greek sports were all about politics and identity.

 

Sebastian Scharff,

Sebastian Scharff is a Postdoctoral scholar at the Department of Ancient History in the University of Mannheim.

 

For more on this topic:

Decker, W., Sport in der griechischen Antike. Vom minoischen Wettkampf bis zu den Olympischen Spielen, Hildesheim ²2012, 86-94.

Moretti, J.-C. & P. Valavanis (eds.), Hippodromes and Horse Races in Ancient Greece, forthcoming.

Petermandl, W., Olympischer Pferdesport im Altertum. Die schriftlichen Quellen, Kassel 2013.

Platte, R., Equine Poetics, Washington, DC, 2017.

Vom Pferd erzählen: Politik und Pferdesport im antiken Griechenland

(This text is also available in English)

Keine zehn Pferde!

Bei den olympischen Spielen des Jahres 67 n. Chr. war alles anders als sonst: Die Wettbewerbe fanden zwei Jahre zu spät statt, musische Disziplinen waren Teil des Wettkampfprogrammes und der Sieger stand bereits im Voraus fest. Für all dies verantwortlich zeichnete der nach seinem eigenen Selbstverständnis vielseitigste ‚Athlet‘ der Antike: Kaiser Nero. Bei einem Wettbewerb allerdings hatte er sich unseren Quellen zufolge zu viel zugemutet: bei dem Versuch, ein Gespann mit zehn Pferden zu lenken, scheiterte er und fiel zur versteckten Freude der Anwesenden vom Wagen.

Die Spiele des Jahres 67 sind in vielerlei Hinsicht Episode geblieben: Nach Neros Tod wurden sie annulliert und aus den Siegerlisten gestrichen. Dass derart prominente Herrscher überhaupt an hippischen Agonen teilnahmen, stellte in der griechischen Antike keine Seltenheit dar. Die erhaltenen Teile der olympischen Siegerlisten für den Pferdesport lesen sich vielmehr wie ein ‚Who’s Who‘ der griechischen Geschichte.

Allerdings setzten sich griechische Alleinherrscher oder Aristokraten kaum dem Risiko aus, sich derartig der Lächerlichkeit preiszugeben wie Nero, und nahmen daher nur selten die Zügel selbst in die Hand. Um erfolgreich zu sein, bedurfte es vor allem eines beachtlichen finanziellen Aufwands: handelte es sich doch bei den Rennpferden um teure Prestigeobjekte und Statussymbole, die bei dem Einsatz entsprechender Mittel eine vielversprechende Dividende verhießen. Für viele wohlhabende Zeitgenossen wie einige sizilische Tyrannen, athenische und spartanische Aristokraten, thessalische Landbesitzer oder Mitglieder der steinreichen Ptolemäerdynastie stellte es daher gar keine Frage dar, ob sie bei hippischen Wettkämpfen antreten sollten oder nicht. Andere Alleinherrscher oder Angehörige der griechischen Aristokratie waren dagegen deutlich zögerlicher und zeigten kein hippisches Interesse. Weshalb also traten Angehörige der griechischen Eliten in den hippischen Agonen an? Für die bloße Zurschaustellung von Luxus hätten schließlich prächtige Paradepferde genügt.

 

Ross und Reiter nennen?

Beginnen wir mit einer möglichen, aber nicht befriedigenden Antwort: es ging allein um die Liebe zu den Tieren und zum Pferdesport. Um eine solche These richtig einordnen zu können, gilt es zu bedenken, dass die entscheidende Perspektive in Bezug auf den griechischen Pferdesport nicht diejenige der Teilnehmer am Wettbewerb, also der Reiter und Wagenlenker, sondern diejenige der Pferdebesitzer darstellt. Sie waren es, die in den Siegerlisten auftauchten, Ross und Reiter wurden nicht genannt. Die Besitzer waren stolz auf ihre Pferde und betonten es ausdrücklich, wenn diese aus ihrer eigenen Zucht stammten. Einige lenkten auch die Gespanne selbst. Die bloße Tatsache allerdings, dass die Pferdebesitzer nicht notwendig bei den Spielen anwesend sein mussten, bei denen ihre Tiere erfolgreich waren (der locus classicus ist Plut. Alexander 3), legt nahe, dass der vielleicht wichtigste Teil des Wettkampfes gar nicht am Renntag stattfand, sondern erst nach dem Rennen.

Eine echte Leidenschaft für den Pferdesport dürfte daher nicht die entscheidende Triebfeder hinter den agonistischen Aktivitäten von Angehörigen der griechischen Eliten gewesen sein. Es ging eher um das Gewinnen; und vielleicht gar nicht so sehr um das Gewinnen selbst, als vielmehr um den Siegesruhm. Agonistischer Erfolg verlieh enormes Prestige und konnte mit guter Aussicht eingesetzt werden, um politische Macht zu sichern oder ein politisches Argument zu stärken.

 

Um eine Analogie aus dem modernen Fußball zu bemühen: Das Vereinsmotto eines wohlbekannten Fußballclubs aus Nordrhein-Westfalen, „Echte Liebe“, hätte bei griechischen Pferdebesitzern wohl wenig Anklang gefunden. Worum es ihnen ging, lässt sich besser durch die süffisante Antwort des Stadionmagazins eines rivalisierenden Vereins beschreiben: „Echte Spitze“.

Um gepriesen zu werden, musste man siegen, nicht nur Leidenschaft für die Sache demonstrieren.

 

Pferdenarren?

Griechische Pferdebesitzer wollten zeigen, dass sie schlicht besser, reicher und erfolgreicher waren als ihre Rivalen. Der Name des Siegers, die Disziplin und der Siegesort bildeten die entscheidenden Komponenten agonistischer Dichtung, alle anderen Informationen waren optional. Es war durchaus möglich, einen Sieger als hippocharmes „pferdefreudig“ (Pind. O. 1, V.23) zu preisen. Doch selbst in einem solchen Fall lag die Betonung nicht so sehr auf der Leidenschaft für die Tiere, als auf der engen Verbindung zwischen dem Besitzer und seinem Prestigeobjekt.

Es kann daher kaum überraschen, dass erfolgreiche Wagenlenker in griechischen Pferderennen keinen Starstatus erlangten. Die Pferdebesitzer monopolisierten die Erinnerung an den Sieg. Sie traten ganz in den Vordergrund und bedurften keines Äquivalents zu den römischen Rennställen der Roten, Weißen, Grünen und Blauen. Griechische Pferdebesitzer nutzten ihre Siegesfeiern für ihre eigene Selbstdarstellung und machten guten Gebrauch von dem symbolischen Kapital, das jedem Sieg inhärent war.

 

Pferderennen stellten dabei nicht einfach ein bloßes Hobby griechischer Eliten wie die Jagd dar. Sie hatten einen kompetitiven Charakter – der Sieg war von entscheidender Bedeutung. Dies ist auch der Grund dafür, warum eine oft-zitierte moderne Definition für „Spiel“, die gelegentlich auch auf den Sport angewandt wird, für die griechische Athletik nicht zutreffend ist. Diese Definition fasst „Spiel“ prägnant als „the voluntary effort to overcome unnecessary obstacles“ (Bernard Suits), lässt aber eine ganz entscheidende Komponente des griechischen Sports vermissen: den Wettbewerb.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es selbstverständlich mehr als einen möglichen Grund für einen griechischen Alleinherrscher oder Aristokraten gab, seine Tiere an Pferderennen teilnehmen zu lassen. Notwendige Voraussetzung war nur ein hinreichender materieller Wohlstand – neben den Anschaffungskosten spielte hier die Logistik eine große Rolle (s. dazu den Beitrag von Sandra Zipprich). Allerdings waren einige Angehörige der griechischen Eliten auch durchaus zufrieden mit ihren Paradepferden, wie dies etwa für den Spartanerkönig Nabis überliefert ist, oder gaben sich überhaupt nicht mit Pferden ab. Trat man in hippischen Agonen an, so ging es um die politische Verwertbarkeit eines möglichen agonistischen Erfolges. Pferdeleidenschaft oder eine Passion für den Reitsport mag es auch gegeben haben, die Hauptmotivation für ein hippisches Engagement stellten sie nicht dar.

Vergaloppieren wir uns also nicht in dem Gedanken, in der Antike habe die reine Sportleidenschaft im Vordergrund gestanden.

 

Sebastian Scharff

Sebastian Scharff ist  Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung und Postdoc-Wissenschaftler am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Mannheim

 

Weiterführende Lektüre

Decker, W., Sport in der griechischen Antike. Vom minoischen Wettkampf bis zu den Olympischen Spielen, Hildesheim ²2012, 86-94.

Moretti, J.-C. and Valavanis, P. (eds.), Hippodromes and Horse Races in Ancient Greece, forthcoming.

Petermandl, W., Olympischer Pferdesport im Altertum. Die schriftlichen Quellen, Kassel 2013.

Platte, R., Equine Poetics, Washington, DC, 2017.