Vom Pferd erzählen: Politik und Pferdesport im antiken Griechenland

(This text is also available in English)

Keine zehn Pferde!

Bei den olympischen Spielen des Jahres 67 n. Chr. war alles anders als sonst: Die Wettbewerbe fanden zwei Jahre zu spät statt, musische Disziplinen waren Teil des Wettkampfprogrammes und der Sieger stand bereits im Voraus fest. Für all dies verantwortlich zeichnete der nach seinem eigenen Selbstverständnis vielseitigste ‚Athlet‘ der Antike: Kaiser Nero. Bei einem Wettbewerb allerdings hatte er sich unseren Quellen zufolge zu viel zugemutet: bei dem Versuch, ein Gespann mit zehn Pferden zu lenken, scheiterte er und fiel zur versteckten Freude der Anwesenden vom Wagen.

Die Spiele des Jahres 67 sind in vielerlei Hinsicht Episode geblieben: Nach Neros Tod wurden sie annulliert und aus den Siegerlisten gestrichen. Dass derart prominente Herrscher überhaupt an hippischen Agonen teilnahmen, stellte in der griechischen Antike keine Seltenheit dar. Die erhaltenen Teile der olympischen Siegerlisten für den Pferdesport lesen sich vielmehr wie ein ‚Who’s Who‘ der griechischen Geschichte.

Allerdings setzten sich griechische Alleinherrscher oder Aristokraten kaum dem Risiko aus, sich derartig der Lächerlichkeit preiszugeben wie Nero, und nahmen daher nur selten die Zügel selbst in die Hand. Um erfolgreich zu sein, bedurfte es vor allem eines beachtlichen finanziellen Aufwands: handelte es sich doch bei den Rennpferden um teure Prestigeobjekte und Statussymbole, die bei dem Einsatz entsprechender Mittel eine vielversprechende Dividende verhießen. Für viele wohlhabende Zeitgenossen wie einige sizilische Tyrannen, athenische und spartanische Aristokraten, thessalische Landbesitzer oder Mitglieder der steinreichen Ptolemäerdynastie stellte es daher gar keine Frage dar, ob sie bei hippischen Wettkämpfen antreten sollten oder nicht. Andere Alleinherrscher oder Angehörige der griechischen Aristokratie waren dagegen deutlich zögerlicher und zeigten kein hippisches Interesse. Weshalb also traten Angehörige der griechischen Eliten in den hippischen Agonen an? Für die bloße Zurschaustellung von Luxus hätten schließlich prächtige Paradepferde genügt.

 

Ross und Reiter nennen?

Beginnen wir mit einer möglichen, aber nicht befriedigenden Antwort: es ging allein um die Liebe zu den Tieren und zum Pferdesport. Um eine solche These richtig einordnen zu können, gilt es zu bedenken, dass die entscheidende Perspektive in Bezug auf den griechischen Pferdesport nicht diejenige der Teilnehmer am Wettbewerb, also der Reiter und Wagenlenker, sondern diejenige der Pferdebesitzer darstellt. Sie waren es, die in den Siegerlisten auftauchten, Ross und Reiter wurden nicht genannt. Die Besitzer waren stolz auf ihre Pferde und betonten es ausdrücklich, wenn diese aus ihrer eigenen Zucht stammten. Einige lenkten auch die Gespanne selbst. Die bloße Tatsache allerdings, dass die Pferdebesitzer nicht notwendig bei den Spielen anwesend sein mussten, bei denen ihre Tiere erfolgreich waren (der locus classicus ist Plut. Alexander 3), legt nahe, dass der vielleicht wichtigste Teil des Wettkampfes gar nicht am Renntag stattfand, sondern erst nach dem Rennen.

Eine echte Leidenschaft für den Pferdesport dürfte daher nicht die entscheidende Triebfeder hinter den agonistischen Aktivitäten von Angehörigen der griechischen Eliten gewesen sein. Es ging eher um das Gewinnen; und vielleicht gar nicht so sehr um das Gewinnen selbst, als vielmehr um den Siegesruhm. Agonistischer Erfolg verlieh enormes Prestige und konnte mit guter Aussicht eingesetzt werden, um politische Macht zu sichern oder ein politisches Argument zu stärken.

 

Um eine Analogie aus dem modernen Fußball zu bemühen: Das Vereinsmotto eines wohlbekannten Fußballclubs aus Nordrhein-Westfalen, „Echte Liebe“, hätte bei griechischen Pferdebesitzern wohl wenig Anklang gefunden. Worum es ihnen ging, lässt sich besser durch die süffisante Antwort des Stadionmagazins eines rivalisierenden Vereins beschreiben: „Echte Spitze“.

Um gepriesen zu werden, musste man siegen, nicht nur Leidenschaft für die Sache demonstrieren.

 

Pferdenarren?

Griechische Pferdebesitzer wollten zeigen, dass sie schlicht besser, reicher und erfolgreicher waren als ihre Rivalen. Der Name des Siegers, die Disziplin und der Siegesort bildeten die entscheidenden Komponenten agonistischer Dichtung, alle anderen Informationen waren optional. Es war durchaus möglich, einen Sieger als hippocharmes „pferdefreudig“ (Pind. O. 1, V.23) zu preisen. Doch selbst in einem solchen Fall lag die Betonung nicht so sehr auf der Leidenschaft für die Tiere, als auf der engen Verbindung zwischen dem Besitzer und seinem Prestigeobjekt.

Es kann daher kaum überraschen, dass erfolgreiche Wagenlenker in griechischen Pferderennen keinen Starstatus erlangten. Die Pferdebesitzer monopolisierten die Erinnerung an den Sieg. Sie traten ganz in den Vordergrund und bedurften keines Äquivalents zu den römischen Rennställen der Roten, Weißen, Grünen und Blauen. Griechische Pferdebesitzer nutzten ihre Siegesfeiern für ihre eigene Selbstdarstellung und machten guten Gebrauch von dem symbolischen Kapital, das jedem Sieg inhärent war.

 

Pferderennen stellten dabei nicht einfach ein bloßes Hobby griechischer Eliten wie die Jagd dar. Sie hatten einen kompetitiven Charakter – der Sieg war von entscheidender Bedeutung. Dies ist auch der Grund dafür, warum eine oft-zitierte moderne Definition für „Spiel“, die gelegentlich auch auf den Sport angewandt wird, für die griechische Athletik nicht zutreffend ist. Diese Definition fasst „Spiel“ prägnant als „the voluntary effort to overcome unnecessary obstacles“ (Bernard Suits), lässt aber eine ganz entscheidende Komponente des griechischen Sports vermissen: den Wettbewerb.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es selbstverständlich mehr als einen möglichen Grund für einen griechischen Alleinherrscher oder Aristokraten gab, seine Tiere an Pferderennen teilnehmen zu lassen. Notwendige Voraussetzung war nur ein hinreichender materieller Wohlstand – neben den Anschaffungskosten spielte hier die Logistik eine große Rolle (s. dazu den Beitrag von Sandra Zipprich). Allerdings waren einige Angehörige der griechischen Eliten auch durchaus zufrieden mit ihren Paradepferden, wie dies etwa für den Spartanerkönig Nabis überliefert ist, oder gaben sich überhaupt nicht mit Pferden ab. Trat man in hippischen Agonen an, so ging es um die politische Verwertbarkeit eines möglichen agonistischen Erfolges. Pferdeleidenschaft oder eine Passion für den Reitsport mag es auch gegeben haben, die Hauptmotivation für ein hippisches Engagement stellten sie nicht dar.

Vergaloppieren wir uns also nicht in dem Gedanken, in der Antike habe die reine Sportleidenschaft im Vordergrund gestanden.

 

Sebastian Scharff

Sebastian Scharff ist  Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung und Postdoc-Wissenschaftler am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Mannheim

 

Weiterführende Lektüre

Decker, W., Sport in der griechischen Antike. Vom minoischen Wettkampf bis zu den Olympischen Spielen, Hildesheim ²2012, 86-94.

Moretti, J.-C. and Valavanis, P. (eds.), Hippodromes and Horse Races in Ancient Greece, forthcoming.

Petermandl, W., Olympischer Pferdesport im Altertum. Die schriftlichen Quellen, Kassel 2013.

Platte, R., Equine Poetics, Washington, DC, 2017.

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