Im Bett mit Alexander dem Großen: Über Sinn und Unsinn einer Forschungsfrage

Wissenschaftliche Konferenzen sind weit seltener ein Publikumsmagnet, als sich das manch einer wünscht. Dass das aber nicht immer schlecht ist, erfuhren die Teilnehmer einer Tagung zum antiken Makedonien in Thessaloniki am eigenen Leib: Am Mittwoch, den 16. Oktober 2002, erschien eine Menge, die ihre Schwierigkeiten mit dreien der Vorträge, die an diesem Tag gehalten wurden, hatte.  Nur dank eines Polizeiaufgebots von vierzig Mann – so einer der Tagungsteilnehmer – konnten die Protestierer im Zaum gehalten werden.

Einer der Vorträge, der die Gemüter derart erhitzte, trug den Titel Homosexuality at the Macedonian Court. Daniel Ogden hat in seinem Aufsatz Alexander’s Sex Life auf den Punkt gebracht, weshalb dieses Thema bei einigen Anstoß erregte: „Alexander has never seemed quite the same since the twentieth century’s discovery of ‘that horrid thing which Freud calls sex,’ and the development of the notion that one’s sexuality was somehow a vital determinant of or an indispensable key to the understanding of one’s nature and one’s identity”. Im Zusammenhang mit Alexander dem Großen über Homosexualität zu sprechen, ist also deshalb für manche Leute problematisch, weil sie der Meinung sind, dass der Makedonenkönig dadurch in Verruf gebracht werde – Alexander konnte nicht schwul gewesen sein, weil das nicht vereinbar ist mit dem Bild, das viele von ihm haben. Das Problem ist ein Problem unserer Zeit. Die antiken Zeitgenossen hat es, soweit wir wissen, herzlich wenig interessiert: Wir wissen, dass Alexander sowohl zu Männern als auch zu Frauen Beziehungen hatte. Zwar kommentierten antike Autoren das Verhältnis, das Alexander zu dem Eunuchen Bagoas hatte, negativ, doch ist Bagoas‘ Fall sicherlich besonders, da Eunuchen generell einen schlechten Ruf genossen.

Für viele ist Sexualität ein wesentlicher Bestandteil der Identität eines Menschen. Dass diese Denkweise von Klischees durchzogen ist, versteht sich von selbst: DER heterosexuelle Mann malocht natürlich nicht ausschließlich von früh bis spät im Stahlwerk, wechselt durchaus mehrmals die Woche seine Kleidung, kennt neben seinem eigenen Moschus auch Deodorant, sitzt – man höre und staune – nicht nur  im Feinrippunterhemd und mit Dosenbier vor dem Fernseher und zeigt für mehr als Sport und Wirtschaft Interesse. Genauso schlürft DIE heterosexuelle Frau nicht prinzipiell liebend gerne Piccolöchen und empfindet Shoppen als schönste Freizeitgestaltung. Sie verbringt die Abende nicht zwangsläufig damit, zusammen mit ihren Mädels eine Folge Sex and the City nach der anderen zu schauen und sich zu fragen, ob sie jetzt Carrie, Charlotte, Miranda oder Samantha ähnlicher ist, liest anstelle von Boulevardblättern Kafka, Mann und Tolstoi, hat größere Sorgen als die Frage, was sie anziehen und wie sie sich die Haare schneiden lassen soll, und erwartet mehr vom Leben, als bis zum Ende ihrer Tage den Haushalt zu schmeißen. Auch hat DER homosexuelle Mann nicht früher zu viel mit Puppen gespielt und bewegt sich auch nicht ausschließlich als eine tänzelnde Duftwolke samt Handtasche durch die Straßen. Ebenso wenig ist DIE homosexuelle Frau ausnahmslos am Kurzhaarschnitt zu erkennen und trägt in sich einen tief verwurzelten Männerhass, an dem freilich der Umstand schuld ist, dass es ihr „noch kein Typ mal so richtig besorgt hat“. Solche und andere Stereotype sind gewiss hochgradig unreflektiert, das haben Stereotype nun mal so an sich. Das ändert aber nichts daran, dass es sie gibt und dass sie Meinungen prägen.

Die prominenteste Beziehung, die Alexander zu einem Mann hatte, war jene zu Hephaistion. Gerade Arrian, der im zweiten Jahrhundert n. Chr. über Alexanders Perserfeldzug schrieb, rückte Hephaistion immer wieder in besondere Nähe zu Alexander: So opferten sie in Troja den beiden Helden Achilles und Patroklos, ihrerseits enge Freunde und – nach manchen – auch ein Liebespaar. Nach der Schlacht von Issos 333 v. Chr. verwechselte Arrian zufolge die Mutter des persischen Großkönigs Dareios‘ III., die Alexander in die Hände gefallen war, Hephaistion mit Alexander, woraufhin Alexander ihr gesagt haben soll, dass diese Verwechslung gar nicht schlimm sei, da auch Hephaistion Alexander sei. Und schließlich erfahren wir aus der Feder Arrians viel über die Trauer Alexanders beim Tod Hephaistions 324 v. Chr. und über die außerordentlichen Ehren, die er dem Verstorbenen zukommen ließ.

Das alles macht nun freilich noch lange keine sexuelle Beziehung zwischen Alexander und Hephaistion, und auch andere antike Autoren wie Diodor und Plutarch helfen nicht dabei, Alexanders Verhältnis zu Hephaistion zu erhellen. An dieser Stelle muss sich der (Alt-)Historiker allerdings darauf besinnen, dass für ihn die Frage, ob die Beziehung zwischen Alexander und Hephaistion nun (auch) sexueller Natur war oder nicht, irrelevant ist, und das nicht nur allein deshalb, weil die Quellenlage es nicht ermöglicht, eine definitive Entscheidung zu fällen. Alexander und seine Zeitgenossen dachten nicht in Homo-und Hetereosexualität; man verkehrte mit Männern und Frauen und fand selten was dabei. Das eine schloss das andere nicht aus. Zudem würde die Klärung der Frage, mit wem er das Bett teilte, nichts an den Taten Alexanders ändern. Wer sich mit Alexander dem Großen auseinandersetzt, muss sich daher zwangsläufig mit dem Gedanken anfreunden, die Frage nach seiner sexuellen Orientierung aus der Hand zu geben. Sie weiterhin zu verfolgen, würde einen Anachronismus bedeuten.

Das heißt allerdings nicht, dass sich die Geschichtswissenschaft generell nicht mit dieser Frage auseinandersetzen darf. Sie muss sie nur anders stellen. Sie liegt nicht im Aufgabenbereich der Alten Geschichte, sondern beispielsweise in dem der Zeitgeschichte. Es wäre spannend zu sehen, welche Aussagen sich daraus, wie etwa heutzutage Alexanders Sexualität thematisiert wird, über unsere Gegenwart, unsere Kultur, unsere Gesellschaft ergäben und welche Rolle die in diesem Beitrag skizzierten Klischees dabei spielen. Ob dies geschieht oder nicht, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Mehr zu diesem Thema:
Lane Fox, Robin: Alexander der Große. Eroberer der Welt, 4. Auflage, Stuttgart 2005.

Müller, Sabine: In Abhängigkeit von Alexander? Hephaistion bei den Alexanderhistoriographen, In: Gymnasium 118 (2011), 429-456.

Ogden, Daniel: Alexander’s Sex Life, in: W. Heckel – L. A. Tritle (Hgg.): Alexander the Great. A New History, Malden, MA 2009, 203-217.

 

Lukas Kainz

Lukas Kainz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Mannheim.

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